Die Deponie

Shownotes

Am 9. November 2012 schlägt ein Geigerzähler in Teuftal BE Alarm: Ein Lastwagen, der gerade durch die Pforte der Mülldeponie fährt, hat radioaktiv verstrahltes Material geladen.

Mit diesem Alarm hat an diesem Tag keiner gerechnet. Schliesslich kommt der Schutt, den der Lastwagen transportiert, nicht von einem Atomkraftwerk, sondern von einer Autobahnbaustelle bei Biel. Von einer Stelle, wo 2012 gerade die Autobahnumfahrung A5 gebaut wird.

Der Grund für den Alarm des Geigerzählers: An dem Ort, wo der Schutt herkommt, lag über ein halbes Jahrhundert Abfall der Schweizer Uhrenindustrie in der Erde: Gläschen mit Farbe, die Uhren zum Leuchten brachten. Basis dieser Leuchtfarbe war ein radioaktiver Stoff: Radium-226.

Dieser 9. November 2012 ist für den Bund der Startpunkt eines Projektes, das ihn Millionen kosten wird: Die Suche und Beseitigung radioaktiver Altlasten der Schweizer Uhrenindustrie. Und diese Suche führt die Behörden nicht nur auf Mülldeponien, sondern auch in ganz gewöhnlichen Wohnungen in Schweizer Gemeinden des Jurabogens. Dort, wo Menschen leben, die nichts davon wissen, dass ihre Abflussrohre, Treppengeländer oder Fussdielen radioaktiv verstrahlt sind.

Es waren die Wohnungen von Radiumsetzerinnen: Frauen, die bei sich zuhause Zifferblätter von Uhren mit Farbe und Pinsel in Heimarbeit zum Leuchten brachten. Frauen, die von dieser Arbeit gesundheitliche Folgen davon trugen oder sogar daran verstorben sind.

In ihren Recherchen wird deutlich: Die Schweiz hatte im Verlauf der Geschichte immer wieder Hinweise darauf, wie gefährlich die Arbeit mit dieser Leuchtfarbe ist. Sie war damit auch nicht allein: Die beiden Autorinnen zeichnen in der Serie den Weg der Leuchtfarbe nach, vom Erzgebirge über das Labor von Marie Curie bis zur Stube der Heimarbeiterin – überall dort, wo sich die radioaktiven Spuren bis heute finden lassen.

Mit einem Abo der Republik unterstützen Sie Serien wie diese! Auch sind auf Republik.ch bereits alle Folgen verfügbar.

Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen! Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder gibt es eine Radiumsetzerin in Ihrer Familie? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

Credits: Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)

Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.

Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.

Weiterführende Lektüre zur ersten Folge:

Quellen

Transkript anzeigen

00:00:09: Anfang Dezember 2012 kommt ein Lastwagen mit Bauschutt bei einer Mülldeponie im Kanton Bern an und löst an der Eingangspforte einen Alarm aus. Die Ladung des Lasters ist radioaktiv verstrahlt. Livia Grossenbacher:

00:00:39: Die Abfälle auf dem Lastwagen kommen von einer Baustelle bei Biel, wo gerade eine neue Autobahnumfahrung entsteht. Corinne Geering:

00:00:49: Der Grund für den Alarm sind Fläschchen mit radioaktiver Leuchtfarbe. Diese lagen seit den 1960er Jahren unbemerkt in der Erde, dort wo jetzt gebaut wird. Verwendet wurden die Farbfläschchen von Frauen, Livia Grossenbacher:

00:01:22: die in ihrem eigenen Zuhause mit dieser Leuchtfarbe arbeiteten. Und der Stoff, der die Farbe zum Leuchten bringt, ist Radium. Nur 40 Jahre sind die Uhren im Handel, die sie in ihren Wohnungen bemalen. Corinne Geering:

00:01:48: Aber milliardenfach müsste die Uhr ticken, bis die Farbe keinen Schaden mehr anrichtet. Das ist Halbwertszeit. Livia Grossenbacher:

00:02:11: Ein Podcast über die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts. Corinne Geering:

00:02:32: Folge 1. Die Deponie Livia Grossenbacher:

00:02:38: Mein Name ist Livia Grossenbacher, ich bin freie Audiojournalistin aus Bern. Corinne Geering:

00:02:44: Und ich bin Corinne Geering, Wissenschaftlerin und arbeite am Institut für Wirtschaft, Sozial- und Umweltgeschichte der Johannes Kepler Universität in Linz. Livia Grossenbacher:

00:02:52: Seit zwei Jahren arbeiten wir zusammen an einer Geschichte, die es in sich hat. Eine Geschichte über Arbeiterinnen, die bei sich zu Hause Uhren bemalen, die im Dunkeln leuchten. Bis in die 1960er Jahre arbeiten sie dafür in ihren Wohnzimmern und Küchen mit einem Material, das so gefährlich ist, dass heute nur speziell ausgebildete Menschen damit hantieren dürfen. In Schutzkleidung und nur für kurze Zeiträume. Corinne Geering:

00:03:19: So gefährlich, dass eine Uhr, deren Zifferblatt mit Radiumleuchtfarbe bemalt ist, nicht einmal mehr getragen werden sollte. Wer sie heute noch verwenden möchte, braucht dafür eine Bewilligung vom Strahlenschutz. Aber vor 60 Jahren wird diese Uhr von einer Frau Livia Grossenbacher:

00:03:36: in ganz normaler Alltagskleidung bemalt. Radiomsetzerinnen hießen diese Arbeiterinnen, Bosseuses de Radium, die in genauester Handarbeit diese radioaktive Leuchtfarbe auf die Zifferblätter und Zeiger von Uhren auftrugen, eben das Radium setzten. Tag für Tag, einfach so, weiß ich zu Hause. Dieses Bild der Frau mit dem feinen Pinsel, die am Arbeitstisch in ihrem Wohnzimmer sitzt und diese

00:04:09: Uhrenblätter bemalt, das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wer waren diese Arbeiterinnen und was Corinne Geering:

00:04:21: ist mit ihnen passiert? Obwohl es um ein unscheinbares Produkt wie Uhren geht, beschäftigen uns die hohen Folgekosten der Produktion noch heute. Denn die radioaktive Strahlung ist noch immer in den ehemaligen Arbeitsstätten der Heimarbeiterinnen, sprich in den Privatwohnungen. Diese Räume, wo kleinste Mengen Leuchtfarbe aufs Parkett tropften und sich der Staub beim Anrühren der Farbe in der Wand festsetzte,

00:04:47: wo die Radiumsetzerin den Pinsel auswusch und die Farbreste bis heute im Abfluss strahlen. Livia Grossenbacher:

00:05:00: Die Folgekosten dieser Arbeit ziehen sich aber noch viel, viel weiter. Bis hin zu dieser Deponie in Biel, wo man 2012 zufällig die Farbfläschchen findet, aus der Wohnung hinaus in die Gärten, wo die Heimarbeiterinnen das verstrahlte Wasser ausschütten, nachdem sie ihre Wohnung putzen. In den 1950er Jahren empfehlen die Behörden sogar, die Abfälle, die bei der Arbeit entstehen,

00:05:24: also die Farbfläschchen selbst, direkt auf dem eigenen Grundstück zu vergraben. Corinne Geering:

00:05:30: Die meisten der leeren Farbfläschchen entsorgen die Setzerinnen aber im Hausmüll. Ein höchst radioaktiver Stoff landet dann auf einer ganz normalen Mülldeponie. Ein Stoff, der so radioaktiv ist, dass die Fläschchen nach dem Zufallsfund bei der Autobahn ins Zwischenlager für radioaktive Abfälle gelangen. Livia Grossenbacher:

00:05:48: Also so radioaktiv, dass sie wie Abfälle aus Kernkraftwerken behandelt werden. Und radioaktive Leuchtfarben sind im Bundeszwischenlager übrigens nicht einfach eine Kleinigkeit, Corinne Geering:

00:05:58: sondern machen sogar einen großen Teil der dort eingelagerten Abfälle aus. Exit-Schilder, Notausgang-Beleuchtungen, Visiere für Schusswaffen und anderes aus der Vergangenheit. Eigentlich so ziemlich alles, was im Dunkeln leuchten sollte. Livia Grossenbacher:

00:06:19: Das eigene Zuhause, ein Ort, der gleichzeitig eine Fabrik ist. Ein Industriebetrieb, wo die Arbeiterin mit dem feinen Pinsel an ihrem Arbeitstisch Tag für Tag mit giftiger Farbe arbeitet. Nur, dass bei ihr im Wohnzimmer statt Pruster mit Sicherheitswarnungen gerahmte Bilder an der Wand hängen. Seit 1963 gibt Corinne Geering:

00:06:45: es in der Schweiz offiziell kein Radiumsetzen in Heimarbeit mehr. Und seither streiten die Wohnungen vor sich hin. Bis dieser Lastwagen aus Biel zufällig einen alarm auslöst und die behörden zum ersten mal damit beginnen systematische untersuchungen vorzunehmen auf öffentlichen druck hin lancieren sie den Livia Grossenbacher:

00:07:05: aktionsplan radium innerhalb kurzer zeit kann man in den medien mitverfolgen wie immer mehr strahlenbelastete wohnungen gefunden werden in denen ehemals radium setzerinnen gewohnt und gearbeitet haben am schluss finden sich in über 1000 liegenschaften Hinweise auf Radiumverwendung durch die Uhrenindustrie. 80% dieser Liegenschaften werden zum Wohnen genutzt.

00:07:31: Millionen von Schweizer Franken fließen in diese Untersuchungen. Wer bezahlt das? Corinne Geering:

00:07:37: Dafür würden mehrere Verursacher in Frage kommen. Zum Beispiel die Unternehmen. Aber so einfach klären lässt sich die Frage nicht. Wir haben hier mit der Heimarbeit nämlich ein grundsätzliches Problem. Die ist Teil der Industrie, ohne wirklich Teil der Industrie zu sein. Heimarbeiterinnen bekommen die Materialien von den Herstellungsfirmen, häufig über Mittelsleute, und verarbeiten sie bei sich zu Hause. Manchmal wissen sie gar nicht, für Livia Grossenbacher:

00:08:05: wen sie da eigentlich arbeiten. In den 1960er Jahren waren über 500 Firmen registriert, Corinne Geering:

00:08:12: die Heimarbeit für die Uhrenindustrie ausgaben. Wir wälzen Akten des Bundesarchivs, lesen Protokolle von Fachkommissionen, unzählige Briefe verschiedener Behörden, Berichte von Fabrikinspektoren und wir merken schnell, es waren Hunderte, die in der Schweiz zu jedem gegebenen Zeitpunkt zwischen etwa 1920 und 1963 als Radiomsetzerinnen arbeiteten.

00:08:36: Über die Jahre zusammengerechnet müssen es schätzungsweise Tausende sein. Livia Grossenbacher:

00:08:43: So viele Frauen also. Anders als andere Arbeitsschritte im Produktionsprozess einer Uhr dürfen die Uhrenunternehmen das Auftragen von Leuchtfarbe damals nämlich gänzlich in Heimarbeit machen lassen. Und in den Wohnungen, in denen diese Setzerinnen arbeit auf der Baustelle auf Strahlung hin untersucht hat.

00:09:28: Klingle an Türen von Häusern, in denen vor über 50 Jahren genug radioaktive Leuchtfarbe verwendet wurde, um noch heute gesundheitsgefährdend zu sein. Biel ist eine Uhrenstadt. War es früher noch mehr als heute. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stellten über 100 Uhrenfirmen ihre Produkte hier in dieser Stadt am pernischen Ende des Juras her. Noch heute haben Markengiganten wie Omega und Rolex Fabriken hier.

00:10:03: Anders als viele andere Entwicklungen in der Uhrenproduktion kommt der Trend, Uhrenziffern und Zeiger im Dunkeln leuchten zu lassen, nicht von hier. Aber als eine der weltweit führenden Produktionsländer springt die Schweiz um 19.20 schnell auf den Zug auf. In vielen Häusern, die ich in Biel besuche, weiß man nicht, wofür die Wohnungen früher

00:10:33: genutzt wurden. Die Frau, die mir freundlich die Tür geöffnet hat, lebt zum Beispiel erst seit einem Jahr dort. Für meine Tour de Bienne steht neben jeder Adresse, die ich besuche, auch ein Name auf meiner Liste. Wir haben sie uns aus Akten im Bundesarchiv zusammengesucht und aus alten Adressbüchern der Stadt, wo Straßennamen und Hausnummern nicht nur mit dem Namen, sondern

00:10:58: auch mit dem Beruf der Menschen versehen sind, die dort wohnten. Neben einigen Adressen steht einfach nur Radium, aber die meisten sind ganz konkret. Emma und Marie lassen sich als Radiumsetzerin eintragen, Janine als Bosseuse de Radium. Einer Radiumsetzerin kann ich durch Einträge in zwei verschiedenen Verzeichnissen zuschauen, wie sie umzieht.

00:11:29: Bei einigen Häusern weiss man tatsächlich davon. In einem Bürobetrieb im Barterre, wo gerade umgebaut wird zum Beispiel. Sie sind die Urmutterin? Genau, ja. Sie sind die Reimwächerin, sie denken es her. Richtig. Die Heimwerkerinnen sind eben sehr... Richtig. Aber weder der Mitarbeiter, der mich empfängt, noch sein Chef, der seinen Kopf zur Tür rein streckt, können mir etwas wirklich Konkretes über diese Heimwerkerinnen erzählen. Corinne Geering:

00:11:55: In der Zwischenzeit haben Livia und ich auch einige Anfragen an Archive gestellt, von denen wir wissen, dass sie mehr Dokumente und konkrete Informationen zu einzelnen Radiumsetzerinnen haben. Wir schreiben unter anderem ans Archiv der SUVA, der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt. Sie versichert in der Schweiz die meisten Berufstätigen gegen Berufsunfälle und Berufskrankheiten, darunter solche, die mit radioaktiver Strahlung zusammenhängen.

00:12:20: Deshalb führt die SUWA seit den 1950er Jahren Untersuchungen zum Radiumsetzen durch. Besonders interessieren uns Berichte und Besuchsrapporte von Setzateliers und Betrieben, die radioaktive Leuchtfarbe verarbeiteten.und Dokumente, die uns hoffentlich direkt an die Radiumsetzerinnen selbst heranführen. Sie tragen den Titel Besuchsrapport betreffend Strahlenschäden

00:12:44: bei Leuchtfarbensetzerinnen oder Beurteilung der Strahlendosis von Frau T. 18.08.1986. Livia Grossenbacher:

00:13:03: Bei einem weißen Mehrfamilienhaus am Kanal in Biel kann sich ein mann daran erinnern dass die bundesbehörden vor ein paar jahren gekommen sind um messungen vorzunehmen was sie das hier sicher abklären wie das denn sie vor allem die kälber Other speaker

00:13:25: und noch der erste karte ist ja auch immer vor aber der sie nicht alles vom treppengeländer bis zum Dachboden, haben sie auf Strahlung hin untersucht. Livia Grossenbacher:

00:13:38: Vor allem die Wohnung im Pater habe sie interessiert. Dort wurden, wie er sagt, Uhrensachen gemacht. Other speaker

00:13:45: Wir haben gewusst, dass hier so Bekannte sind. Das ist einfach ein Phänomen. Und dass da Zeug rum ist, das ist ja... Hier im Raum, hier oben, hat es vermehrt so Frauen gehabt, die Krankheiten hatten. Die sind ja auch krebsgekommen, gestorben in der Ökologen. Livia Grossenbacher:

00:14:12: Man hat es ja gewusst, sagt er. Einfach so im Treppenhaus, dass dieses Zeug da ist und dass es Krebs auslöst. Corinne Geering:

00:14:28: Hat er dir noch mehr über diese Frauen erzählt? Kannte er selbst welche? Livia Grossenbacher:

00:14:33: Nein, er nicht, aber seine Frau. Die hat in den 1980er Jahren für die Invalidenversicherung gearbeitet und Abklärungen wegen dieser Frauen gemacht, die durch ihre Arbeit mit Radiumfarbe an Krebs erkrankt sind. Ich habe ihn dann gefragt, ob ich mit seiner Frau reden dürfe. Corinne Geering:

00:14:59: In der Zwischenzeit erhalten wir vom Archiv der SUWA eine Antwort auf unsere Anfrage. Die Unterlagen, die wir sehen möchten, sind immer noch Teil der Betriebsdossier und noch nicht im historischen Archiv. Da müsse man bei den Betrieben nachfragen. Livia Grossenbacher:

00:15:13: Es ist eine seltsame Ausgangslage für unsere Geschichte. Obwohl die Radiumsetzerinnen so viele waren, ist es irgendwie richtig schwierig, an sie heranzukommen. Corinne Geering:

00:15:25: Sie begegnen uns überall in den Akten, die wir wälzen. Häufig als Gruppe. Die Heimarbeiterinnen lesen wir dann. Manchmal zusammen mit einer konkreten Zahl, zum Beispiel 1183, die zu einem Zeitpunkt in Biel registriert waren. Wenige von ihnen erscheinen dann mit Namen. Emma, Marie, Janine. Oder wenn es technischer wird, anonymisiert als Frau T. Aber mehr erfahren wir nicht über sie. Livia Grossenbacher:

00:15:57: Wenn wir den Weg des Farbfläschchens von der Deponie zurückverfolgen, kommen wir ganz, ganz nahe an ihre Wohnungen. Wir können ihre Wohnzimmer rekonstruieren, die einmal waren und sagen, hier drüben steht ein Holztisch mit vier Stühlen, hier ein Sofa, hier hängen gemalte, gerahmte Bilder an den Wänden. Und hier, links von der Tür, steht ein kleiner Tisch, der das Zimmer gleichzeitig zum Arbeitsort macht. Darauf deponiert, stellen wir uns vor, sind blanke Uhrenblätter, Pinsel, die nur ein paar Haare breit sind und natürlich die Leuchtfarbe. Aber die Frau,

00:16:41: die hier am Tisch Uhrenblatt nach Uhrenblatt bemalt, arbeitet mit dem Rücken zu uns. Sie hat kein Gesicht, keine Stimme. Wir wissen weder, warum sie dieser Arbeit nachgeht, noch was sie gerne macht, wenn sie nicht arbeitet. Wir wissen nur, wenn die Farbe auf ihrem Pinsel noch heute, so lange später, ihre Wohnung schädlich macht, dann macht diese Farbe auch die Frau Corinne Geering:

00:17:21: selbst krank. In den Messungen, die das Bundesamt für Gesundheit im Rahmen des Aktionsplans Radium durchführt, wird in 163 Liegenschaften eine unzulässige Strahlendosis festgestellt. Sie müssen saniert werden. 50 Jahre nachdem das Radiumsetzen in der Schweiz endete. Die Schweiz wählt damit, Zitat, einen zukunftsorientierten Ansatz. Es geht hier um die heutigen BewohnerInnen und die

00:17:46: langfristige Bewohnbarkeit für künftige Generationen. Die damaligen HeimarbeiterInnen rücken in den Hintergrund und das ist grundsätzlich verständlich. Geht es doch zuerst einmal um eine Beurteilung der Gefährdung heute. Die gemessenen Strahlendosen liegen alle noch unter der Schwelle, die auch eine medizinische Untersuchung erforderlich machen würde. Die Leuchtfarbenfläschchen stehen aber auch nicht mehr im Wohnzimmer,

00:18:10: sondern sie sind schon lange vorher entsorgt worden. Für den Zeitpunkt, als diese Strahlungsquelle noch in der Wohnung war, lassen sich die Messwerte heute nur erahnen. Aber ein Livia Grossenbacher:

00:18:25: zukunftsorientierter Ansatz bedeutet für das Bundesamt für Gesundheit und damit für den Bundesrat auch, das Schicksal der Heimarbeiterinnen und ihrer Familien wird nicht weiter verfolgt. Der Bundesrat schreibt 2022, Zitat, Personen, die in kleineren Werkstätten oder zu Hause gearbeitet haben, gaben ihre Tätigkeit aber nach und nach auf und wurden daher nicht systematisch überprüft. Zitat Ende. Corinne Geering:

00:18:54: Es gibt schlichtweg keine weiteren Informationen. Und so macht es den Anschein, wenn man zukunftsorientiert handelt, man hat auch nicht vor, diese noch irgendwie zu beschaffen. Die Vergangenheit ist damit abgeschlossen. Livia Grossenbacher:

00:19:08: Wir wissen also nicht, wie viele Menschen davon betroffen waren und wenn wir an die Kinder der damaligen Setzerinnen denken, noch immer von den Spätfolgen der Strahlen betroffen sein könnten. Corinne Geering:

00:19:21: Und wenn es diesen Zufallsfund der Farbfläschchen auf der Bieler Autobahn nicht gegeben hätte, wäre wohl auch keine der 163 Liegenschaften saniert worden. Livia Grossenbacher:

00:19:40: Wegen dieser Fläschchen und irgendwie nur wegen dieser Fläschchen werden also über 100 Wohnungen saniert, weil dort Frauen diese Leuchtfarbe verwendet haben, um für eine der größten Industrien des Landes Uhrenzifferblätter zu bemalen, die im Dunkeln leuchten. Mit radioaktiver Farbe. So gerne, sage ich zu meinem Vater,

00:20:10: als ich ihm beim Abendessen im Restaurant von diesem Projekt erzähle, so gerne würde ich einmal eine dieser Setzerinnen hinter den Zahlen und Archivdokumenten wirklich sehen, so sie gut genug sehen, um sie als Person greifen zu können. Versteht sie, wie gefährlich ihre Arbeit ist? Wie geht es ihr dabei? Aber eben, passiert wohl einfach nicht. Schlechte Dokumentation, wenig Angaben und so weiter und so weiter.

00:20:44: Mein Vater unterbricht mich irgendwann. Ja, aber meine Tante Ida hat das gemacht. Die hat diese Uhrenblätter bemalt, bei sich zu Hause im Wohnzimmer. Ich hatte bis zu diesem Moment noch nie von Tante Ida gehört. Was genau macht sie in diesem Wohnzimmer? Other speaker

00:21:16: Was ist ihre Geschichte und wie geht sie aus? Livia Grossenbacher:

00:21:32: Du hörst Halbwertszeit. Folge 1 von 5. Die Deponie. Corinne Geering:

00:21:40: Halbwertszeit ist eine Podcast-Serie von mir, Corinne Geering. Livia Grossenbacher:

00:21:43: Und mir, Livia Grossenbacher. Corinne Geering:

00:21:45: Produktion, Vivienne Kuster. Und Musik, Fatima Dann. Livia Grossenbacher:

00:21:50: Schnitt und Sounddesign, Livia Grossenbacher. Corinne Geering:

00:21:53: Und Mastering, Philipp Teichert. Livia Grossenbacher:

00:22:05: Ein Podcast der Republik, gefördert durch den Leibniz-Forschungsverbund Wert der Vergangenheit und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.