Die Heimarbeiterin

Shownotes

Während ihrer Recherche findet Livia Grossenbacher heraus, dass sie mit einer Radiumsetzerin verwandt ist: Ida, ihre Urgrosstante, bemalte zuhause Uhren mit Leuchtfarbe.

Wer war Ida? Wusste sie oder andere Heimarbeiterinnen über die Gefahr in ihren Wohnzimmern? In der zweiten Folge von «Halbwertszeit» suchen Livia Grossenbacher und Corinne Geering nach Spuren der Radiumsetzerinnen, erzählen Idas Geschichte und zeigen auf, wie die Schweizer Uhrenindustrie von schlecht verdienenden Heimarbeiterinnen profitierte.

Mit einem Abo der Republik unterstützen Sie Serien wie diese! Auch sind auf Republik.ch bereits alle Folgen verfügbar.

Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen! Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder gibt es eine Radiumsetzerin in Ihrer Familie? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

Credits: Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)

Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.

Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster. Weiterführende Lektüre zu den Themen der Folge 2:

Quellen dieser Folge

  • Bieler-Heimarbeit. „Bericht über das vierte Geschäftsjahr [1937]“. 1. Februar 1938. Gosteli-Stiftung, Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, AGoF 710: Archiv Familie Lanz, Biel.
  • Frau S., Heimarbeiterin: Eine von Vielen“. In: Emanzipation. Zeitung der Progressiven Frauen Schweiz (PFS) 2.10 (1976): S. 1.
  • Heimarbeiterin – unbekannte Kollegin“. In: Emanzipation. Zeitung der Progressiven Frauen Schweiz (PFS) 2.10 (1976): S. 3.
  • Leuchtfarben und ein geheimnisvolles Kasperlispiel“. Pestalozzi Schatzkästlein. Pestalozzikalender II. Teil (1954): S. 111–112.
  • Pessl, Helene. „Strahlenkosmetik“. Die schöne Frau 7.8 (1932): S. 376–377.
  • „Radiumvergiftungen in Fabriken“. Illustrierte Technik für Jedermann 36 (1926): S. 439.
  • „Über uns. Geschichte“. Gosteli-Archiv, n.d.
  • „Unsern Lesern“. Frauenfreude – Mädchenglück 48.308 (1931): S. 14.
  • “Untersuchungen beim Setzen von Leuchtfarben am 23. März 1959 in Biel, zusammen mit Herrn Dr. Baechthold vom Fabrikinspektorat des I. Kreises und Herrn Berthoud, Gewerbepolizei Biel”. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
  • „Vereinsstatuten der BIELER HEIMARBEIT“. 29. März 1940. Gosteli-Stiftung, Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, AGoF 710: Archiv Familie Lanz, Biel.
  • Weiss, Paul. Die Heimarbeit in der schweizerischen Uhrenindustrie. Biel: CHS. & W. Gassman, 1946. S. 25–26.
  • Werbung von Merz & Benteli AG, Bern Bümpliz. Pestalozzi-Schatzkästlein. Pestalozzikalender II. Teil (1954): S. 132.
  • Werbung für Schröder-Schenke, Berlin. Die schöne Frau 4.6 (1929): S. 39. „Echte Schönheit!“ Frauen-Fleiß. Vobachs Zeitschrift für Handarbeiten 11 (1926): S. IV.

Transkript anzeigen

00:00:04: In einem Wohnzimmer in Biel, links von der Tür, sitzt eine Frau an einem Arbeitstisch. Wenn ihre Haare lang sind, wird sie sie zusammengebunden haben, mit einer Haarspange oder einem Tuch. Vielleicht hört sie Musik, während sie arbeitet, was in den 1950ern eben gerade im Radio lief. Vielleicht arbeitet sie gerne nachts oder am frühen Vormittag.

00:00:34: Die Frau an diesem Arbeitstisch bemalt in genauester Handarbeit Uhrenblätter im Dutzend. Die meisten davon sind gerade mal so groß wie ein 20-Rappen-Stück, gedacht für Damenarmbanduhren. Die Ziffern der frisch bemalten Uhrenblätter leuchten im Dunkeln. Und das offene Töpfchen mit der grün-gelben Farbe daneben, das hinterlässt radioaktive Strahlung.

00:00:59: Überall, wo dieses Töpfchen genug Zeit verbringt, müssen später Parketts und Wände herausgerissen und ganze Gärten umgegraben werden. Die Frau trägt die Farbe auf, mit einem Pinsel, vielleicht einer Stricknadel, vielleicht einem Stift, in den sie die Farbe einfüllt und malt Zifferblatt für Zifferblatt, Zahl für Zahl,

00:01:24: die geschwungenen Linien der acht, die exakten Ecken der vier. Diese Frau, die da malt, das ist Tante Ida. Ich bin Livia Grossenbacher. Corinne Geering:

00:01:52: Und ich bin Corinne Geering. Das ist Halbwertszeit. Livia Grossenbacher:

00:01:56: Ein Podcast über die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts. Folge 2 Die Heimarbeiterin Für mich könnte es nicht überraschender sein, als mein Vater in diesem Restaurant ausruft, Tante Ida,

00:02:23: und damit der Frau einen Namen gibt, die an diesem Wohnzimmertisch Uhrenblätter bemalt. Ich hatte bis zu diesem Moment noch nie von Tante Ida gehört. Ich bin zuerst zögerlich, im Rahmen dieses Podcasts in ein total neues Kapitel meiner eigenen Familiengeschichte einzutauchen. Aber am Ende lässt es mich nicht los. Wer war Tante Ida? Corinne Geering:

00:02:49: Tante Ida lebte in Biel, wo der Zufallsfund auf der Autobahn ein millionenteures Projekt des Bundes auslöste. Hat sie auf dieser Altdeponie auch ihre Fläschchen entsorgt? Für welche Firma hat sie gearbeitet? Und wo in der Livia Grossenbacher:

00:03:06: Stadt war ihre Wohnung? Natürlich kann mein Vater mir nicht alle diese Fragen beantworten. Tante Ida war meine Urgroßtante, also seine Großtante, und er kannte sie vor allem als Kind. An einige Dinge aber erinnert er sich gut. Zum Beispiel daran, in welcher Straße in Biel Ida wohnte, als er ein Kind war.

00:03:30: An einem sommerlich anmutenden Aprilabend besuchen mein Vater und ich zusammen diese Strasse. Vielleicht erkennt er ja Idas Haus, wenn er es sieht. Wir könnten einfach laufen, wir könnten einfach absitzen.

00:03:44: Wir können einfach laufen, vielleicht finden wir ein Bänkchen.

00:03:47: Ja, das ist doch gut. Ich erkenne den Ort wieder. Bei meiner Klingelaktion in Biel standen gleich mehrere der Altbauhäuser dieser Straße auf der Liste. War ich durch reinen Zufall schon mal in Idas Haus? Vater von Livia

00:04:04: Dann der Idi, wie wir immer gesagt haben. Das hat uns oft gehütet, wenn meine Eltern in die Ferien gingen oder das Wochenende mal weg waren. Livia Grossenbacher:

00:04:14: Die paar Mal im Jahr, wenn ihre Eltern alleine weg fuhren, wurden mein Vater und seine Schwester bei Ida und ihrem Mann Gusti vorbeigebracht. An diese langen Wochenenden, die er als Kind bei Ida in Biel verbrachte, erinnert er sich gut. Vater von Livia

00:04:29: Sie hat wunderbar gut gekocht, es war immer sehr feng. Sie hatte rostrote Haare. Sie war eine quirlige Frau. Sie hatte einen vollen Käfer, einen hellblauen. Livia Grossenbacher:

00:04:40: Im hellblauen VW-Käfer nahmen Ida und Gusti

00:04:44: meinen Vater und seine Schwester dann auf Ausflüge mit.

00:04:47: An den See zum Spazieren zum Beispiel. Wenn wir mit dem Käfer Vater von Livia

00:04:52: herumgefahren sind, hat sie immer dazu gesungen. Das war immer so fröhlich. Was hat sie gesungen? So Lieder auf Französisch, die wir dann noch nicht verstanden haben. Aber es hat sich immer so lebendig und so aufgestellt, hat sich das angefühlt. Livia Grossenbacher:

00:05:08: Eine quirlige, aufgestellte Frau mit wilden roten Haaren, die in ihrem VW Lida singt. Während wir in der Abendsonne zwischen Fahrrädern und Kinderwagen die Straße hinabgehen und uns die Häuser anschauen, fügt sich das Bild der malenden Setzerin im Wohnzimmer langsam zu etwas Konkreterem zusammen. Hier am Arbeitstisch sitzt Ida,

00:05:36: resolut in keiner Diskussion auf den Mund gefallen, geboren im Jahr 1912 als einziges Mädchen zwischen drei Brüdern. Als junge Erwachsene pflegt sie ihre krebskranke Mutter und nachdem diese stirbt, verschwindet Ida für einige Jahre aus dem Blickfeld der Familie. Wohin, weiß man nicht so genau. Aber als sie wieder auftaucht, sitzt sie hier in ihrem Wohnzimmer am Tisch, die Farben

00:06:03: fein säuberlich im Halbkreis vor sich arrangiert und bemalt Uhrenblätter. Zwei-, dreimal gehen wir die gleiche Straße auf und ab, während mein Vater erzählt. Jedes Mal bleiben wir am gleichen Ort stehen und sehen uns die gleichen drei nebeneinander stehenden Häuser an. Eins von diesen drei, sagt mein Vater, könnte es gewesen sein. Am Ende finden wir nicht heraus, ob er recht hat, aber so oder so

00:06:36: wohnte Ida Tür an Tür mit anderen Radiumsetzerinnen nur ein paar Velominuten von den Manufakturen der grossen Uhrenfirmen entfernt. Warum hat sie überhaupt bei sich zu Hause gearbeitet und nicht in einer Fabrik, wenn sie doch so nah gewesen wäre? Ich frage meinen Vater, ob er eine Vermutung hat. Vater von Livia

00:06:56: Ich könnte mir schon noch vorstellen, dass sie so in der Gruppe etwas Schwieriges hätte sein können. Livia Grossenbacher:

00:07:02: Dass sie sehr eigenwillig ist. Vater von Livia

00:07:04: Dass sie eigenwillig ist, ihre Meinung hat gesagt. Livia Grossenbacher:

00:07:08: Auch für Ida selbst könnte das gut gepasst haben, so wie mein Vater sie gekannt hat. Vater von Livia

00:07:13: Vielleicht hat sie das lieber zuhause gemacht, weil sie sich wirklich darauf konzentrieren konnte. Vielleicht hat sie das in Kauf genommen, weil sie weniger verdient hat. Oder weil sie ihre Ruhe hat. Weil sie das zu fixen Zeiten machen musste, an einem bestimmten Ort, unter Einfluss von allem Falschlernen der anderen Leute. Corinne Geering:

00:07:38: Aus historischer Perspektive ist Heimarbeit oft keine bewusste Wahl, sondern alternativlos. Weil man nicht längere Zeit von zu Hause weg kann oder es keine Arbeitsplätze in der näheren Umgebung gibt. Ida hatte keine Kinder, wie viele andere Heimarbeiterinnen, die damit anfingen, weil sie gleichzeitig Kinder betreut haben. Aber vielleicht gab es einfach keine andere Arbeit. Gerade in einer Stadt wie Biel, wo ein Großteil der Bevölkerung für die Uhrenindustrie arbeitete,

00:08:07: die aber in einer Dauerkrise steckte. Für die Unternehmen ist Heimarbeit nämlich attraktiv. Sie können Produktionskosten einsparen, da Heimarbeit günstiger ist und sie Heimarbeiterinnen nicht durchgängig beschäftigen müssen, je nachdem wie viel halt produziert wird. Livia Grossenbacher:

00:08:26: In den 70er Jahren, also zu dem Zeitpunkt, als Ida auf meinen Vater aufpasste, arbeitete sie nicht mehr. Aber Erzählungen über die Uhren, die sie bemalt hat, hörte er trotzdem oft. Davon, dass ihre Tätigkeit gefährlich oder schädlich gewesen wäre, Vater von Livia

00:08:42: war nie die Rede. Sie ist stolz gewesen auf das. Sie hat das so Spaß gemacht, sie hat das so gerne gemacht. Ich glaube für sie ist das schon enorm gestimmt. Livia Grossenbacher:

00:08:55: An die Zeit, in der Ida krank wurde, erinnert mein Vater sich nicht. Viele Fragen bleiben nach unserem Gespräch offen. Ganz besonders wundert sich mein Vater, ob es Orte gab, an denen sich Ida mit anderen Heimarbeiterinnen treffen konnte. So eine Art Stammtisch vielleicht, um sich mit anderen Frauen auszutauschen, die zu Hause arbeiteten.

00:09:19: Mit dieser Frage trifft er voll ins Schwarze. Schließlich arbeitete Ida nicht nur isoliert von anderen Heimarbeiterinnen. Sie lebte auch zu einer Zeit, in der sie ohne Zustimmung ihres Mannes Kusti gar nicht erst arbeiten oder ein Bankkonto eröffnen durfte. Corinne Geering:

00:09:36: Für Heimarbeiterinnen geht die Einschränkung ihrer Rechte ja noch weiter. Sie haben keinen Arbeitsvertrag und erhalten keinen Monatslohn, sondern werden nach Anzahl gefertigter Stücke bezahlt. Wenn sie vieles schaffen, verdienen sie mehr, wenn es weniger sind, halt entsprechend weniger. Livia Grossenbacher:

00:09:52: Wenn sie also zum Beispiel krank sind, verdienen sie gar nichts. Und wenn es keine Aufträge gibt, dann halt auch nicht. Corinne Geering:

00:10:00: Genau, und Anspruch auf Arbeitslosengeld gibt es zum Beispiel auch nicht. Wenn wiederum viel produziert wird, wird wieder mehr in Fabriken ausgeführt. Dadurch ergibt sich ein Hin und Her, die Arbeitssituation ist sehr ungewiss. Eine Heimarbeiterin der Uhrenindustrie beschreibt das in einem Interview so. Unser Einer ist halt eine Arbeiterin zweiter Ordnung. Hat es viel Arbeit, holt man uns mit aller Gewalt in die Fabriken und dann werden wir wieder verjagt. Über die Jahrzehnte zusammengerechnet waren Livia Grossenbacher:

00:10:31: es Schätzungen nach Tausende, die in ihrem eigenen Zuhause als Radiumsetzerinnen arbeiteten. Und eine dieser Frauen war Ida, die hier am Tisch Uhrenblätter bemalt, im Auftrag von Fabriken oder kleinen Ateliers, die ihrerseits wieder für die großen Hersteller arbeiten. In Idas Fall sind es nicht nur leuchtende Ziffern, die sie malt, sondern auch Motive.

00:10:55: Blumen, Rosenranken, Menschen in Trachten, die so fein gemalt sind, dass ihre Augen aus einem einzigen schwarzen Farbtupfer bestehen. Nachdem Ida nicht mehr arbeitet, malt sie Gemälde und hängt sie sich in ihrer Wohnung gerahmt an die Wand. Kein Wunder, war sie stolz auf ihre Arbeit. Vielleicht ist es fast ein bisschen anmaßend von uns, sie so simpel als Radiumsetzerin

00:11:20: zu betiteln, aber zwischen all den aufgereihten Farbtöpfchen auf ihrem Tisch ist das die Gefahrenquelle, von der sie nichts weiß. Die Radiumfarbe. Bei unseren Recherchen finden wir Corinne Geering:

00:11:36: in den Akten die Beschreibung weiterer Wohnzimmer. Da ist Frau B., die in der kleinen Wohnung ihre Farbvorräte zum Teil im gleichen Schrank wie die Lebensmittel aufbewahrt. Frau F., die ihren Arbeitsplatz in einer Ecke des Wohnzimmers hat. Ihr jüngstes Kind ist 13 Jahre alt. Und eine weitere junge Frau, die erst seit kurzem als Radiumsetzerin in einem nicht bewohnten Zimmer arbeitet. Sie hat vor,

00:12:01: das Zimmer in absehbarer Zeit als Kinderzimmer zu verwenden. Der Arzt, der diese Akte zusammengestellt hat, notiert, dass sie vorher den Teppich entfernen soll. Uns wird bei den Recherchen schnell klar, wenn sich an den Livia Grossenbacher:

00:12:19: prekären und gefährlichen Arbeitsbedingungen der Radiumsetzerinnen etwas ändern sollte, dann mussten sie sich selbst dafür einsetzen. Das ist ganz schön schwierig zu einer Zeit, zu der diese Frauen noch nicht einmal abstimmen können. Wir hoffen, einen Ort zu finden, wie mein Vater ihn beschreibt. Eine Art Stammtisch, einen Treff, wo Radiumsetzerinnen

00:12:41: sich organisieren können, um sich Gehör zu verschaffen. Einen Verein vielleicht, mit Mitgliederlisten und Protokollen. So einen Verein, scheint es, finden wir tatsächlich bei unserer Recherche in einem der unzähligen Archive. Corinne Geering:

00:13:04: Im Gosteli-Archiv in Wortlaufen werden seit den 1980er Jahren die Art von Dokumenten gesammelt, die wir in den staatlichen Archiven nicht finden können. Begründet wurde es von Marte Gosteli, die das Archiv für Schweizer Livia Grossenbacher:

00:13:19: Frauengeschichte bei sich zu Hause aufbaut. Gut, okay, dann sind wir so weit. Okay, ich habe den Corinne Geering:

00:13:25: Karton jetzt mal rübergeholt. Ja. Und wir wissen jetzt nicht, was da konkret drin ist. Werden wir gleich sehen. Genau. Bieler Heimarbeit betitelt der Online-Archivplan das Vereinsdossier. Die Jahre passen für die Radio-Umsetzerinnen genau. Von 1937 bis 1960, also mehr als die Hälfte des Zeitraums, Livia Grossenbacher:

00:13:47: in dem sie arbeiteten. Natürlich kann sich hinter bieler Heimarbeit alles mögliche verbergen. Irgendwo habe ich eine irrational große Hoffnung auf Sitzungsprotokollen zwischen Namen von Leuchtfarbensetzerinnen und Polysösen, denen meiner Urgroßtante zu finden. Etwas rationaler erhoffen wir uns wenigstens ein Sitzungsprotokoll, wo die Heimarbeiterinnen der Uhrenindustrie einmal selbst zu Wort kommen. Corinne Geering:

00:14:17: Im Karton finden wir zwischen Rezeptbüchlein und Fotoalben ein ziemlich gut gefülltes Dossier. Wir verschaffen uns einen Überblick. Neben den Vereinsstatuten und einzelnen Briefen machen die Jahresberichte den größten Teil des Inhalts aus. Livia Grossenbacher:

00:14:32: Wir blicken auf unser viertes Geschäftsjahr zurück, ein Zeitabschnitt, in dessen Verlauf die wirtschaftliche Lage Biel sich wesentlich verändert hat. Verschiedene unserer jüngeren, tüchtigeren Kräfte haben zu ihrer früheren Fabrikarbeit zurückkehren können oder sie haben wieder Heimarbeit aus der Uhrenindustrie erhalten. Statt ihrer baten uns ältere Frauen um Verdienst oder doch solche, die aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind und teilweise auch keine Unterstützung beziehen können. Corinne Geering:

00:15:02: Ich kenne diese Art der Dokumente aus meiner Forschung zur Heimarbeit in anderen Städten. Und ich ärgere mich, dass wir auch hier vor allem Zahlen finden, wie schon in den Akten der staatlichen Archive. Budget, Berichte über Verkäufe auf Weihnachtsmärkten oder Briefe zu Subventionen. Aber über die Frauen selbst erfährt man sehr wenig. Livia Grossenbacher:

00:15:23: Sehr, sehr wenig. Wir verlassen das Gosteli-Archiv ernüchtert. Auch hier erfahren wir mehr über die Auftraggeberin als über die Heimarbeiterinnen selbst. Corinne Geering:

00:15:35: Wir realisieren, dass wir anders vorgehen müssen, um in die Stuben der Heimarbeiterinnen zu kommen. Nach dem direkten Weg zu ihren ehemaligen Wohnungen und über das Archiv für Frauengeschichte wählen wir also eine neue Strategie. Wir wollen uns die Leuchtfarbe genauer anschauen, die in ihre Wohnung kam und dort Spuren hinterlassen hat, die noch heute strahlen. Vielleicht erfahren wir so mehr darüber, wie es ihnen bei der Arbeit erging. Livia Grossenbacher:

00:16:03: Die Frage, die uns dabei am meisten interessiert, ist, ob sie es selbst wussten. Ob sie irgendeine Ahnung hatten, dass die Radiumfarbe, mit der sie arbeiteten, gefährlich war. Ich tippe auf nein. Ich denke an Freunde meiner Familie, die im Kanton Bern in den 50ern einen Uhrenladen besaßen und mit der Radiumleuchtfarbe aus ihrem Geschäft

00:16:26: »Hier wohnt ein Geist« auf die Rückseite ihrer Badezimmertür schrieben. Einfach so, als Streich für den albernen Schreckmoment, wenn ihre Gäste die Nachricht sahen, bevor sie das Licht anmachten. Diese Story ist übrigens kein Einzelfall. Während unserer Recherchen finden wir immer mal wieder Geschichten, wo Leute alles Mögliche mit dieser ja wirklich verlockend leuchtenden Farbe bemalen.

00:16:53: Jemand lackiert sich damit sogar die Fingernägel. Corinne Geering:

00:16:56: Es erinnert mich auch an Bastelanleitungen, die ich bei der Recherche gefunden habe aus den 1950er Jahren. Livia Grossenbacher:

00:17:03: Bastelanleitungen? Corinne Geering:

00:17:04: Ja, beispielsweise ein Kalender für Kinder aus dem Jahre 1954, der von Pro Juventute herausgegeben wurde. Darin beschreiben sie, wie man Leuchtfarben zu Hause beim Kasperlli Theater einsetzen kann. Sie haben ganze Szenen beschrieben, die man nachspielen kann. Zum Beispiel und ich lese jetzt vor. Plötzlich leuchtet vor Kasperlis staunenden Augen eine Wunderlandschaft mit seltsamen Blumen, nie gesehenen Tieren und

00:17:31: Bäumen auf. Eine Prinzessin in einem wunderbar leuchtenden Gewande wandelt sich durch den geheimnisvollen Garten. Und dann geht's weiter. Ein Zauberer bringt Kasperli dann leuchtende Sterne, die man, so die Anweisung im Kalender, am besten mit radioaktiven Farben bemalt, weil diese dann so jahrelang leuchten können. Livia Grossenbacher:

00:17:51: Aha. Corinne Geering:

00:17:52: Und bei dieser Anleitung, also ganz unten, findet man dann auch den Verweis auf die Bezugsquelle für diese radioaktiven Leuchtfarben. Muss man ein bisschen weiter blättern, bis man zum Inserat kommt. Und da steht dann, dass man ein kleines Assentiment von Leuchtfarben für sich, für zwei Franken, bei der Firma Merz & Bentley in Berm-Bümpelitz bestellen kann. Livia Grossenbacher:

00:18:12: Diese Firma, Merz & Bentley, wird uns ja dann später noch mehr beschäftigen. Oder zumindest das, was heute davon übrig ist. Corinne Geering:

00:18:22: Ich habe uns hier einen ganzen Stoß von Zeitschriften mitgebracht aus den 1920er bis 1940er Jahren. Vor allem Frauenzeitschriften. Darin finden wir ganz viele Werbungen zum Wundermittel Radium. Livia Grossenbacher:

00:18:37: Radium heilt, verjüngt die haut hier ist also eine werbung zu radium creme und hier ist Corinne Geering:

00:18:49: eine andere zu radium oder kolonie und hier eine zu radium haar kraft kur die eine wiedergeburt des haares herbeiführen soll oder eine radium verjüngung schokolade und hier sehen wir eine frau deren kleines pöttchen hält auf dem radio aktiv steht dazu der titel Strahlenkosmetik. Diese Cremes ermöglichen durch den täglichen Gebrauch Radiumablagerungen in die Haut. Livia Grossenbacher:

00:19:21: Also die wollten Ablagerungen von Radium in ihrer Haut. Corinne Geering:

00:19:28: Und jetzt kommt's. In denselben Frauenmagazinen erscheinen dann auch plötzlich Berichte von Radiumvergiftungen. Livia Grossenbacher:

00:19:41: In den Betrieben der United States Radium Corporation in New York sind eine große Zahl Arbeiterinnen erkrankt und gestorben, deren Todesursache erst sehr spät von einem Zahnarzt entdeckt wurde. Dieser stellte fest, dass die Knochenreste im Dunkeln leuchteten. Die Arbeiterinnen bestrichen die Ziffern von Taschenuhren mit Radium und pflegten den dazu erforderlichen Pinsel mit den Lippen anzuspitzen. Corinne Geering:

00:20:10: Der Artikel ist von 1926, das gleiche Jahr wie die Werbung für die Radiumverjüngungsschokolade. Livia Grossenbacher:

00:20:18: Die anderen Werbungen sind in den Jahren danach noch veröffentlicht worden. Wie kommt es, dass es einen solchen Hype um Radium gibt und es gleichzeitig so gefährlich ist? Das war Halbwertszeit. Folge 2 von 5. Die Heimarbeiterin. Halbwertszeit ist eine Podcast-Serie von mir, Corinne Geering. Und mir, Livia Grossenbacher. Produktion, Vivienne Kuster. Und Musik, Fatima Dann. Schnitt und Sounddesign,

00:21:10: Livia Grossenbacher. Und Mastering Philipp Teichert. Ein Podcast der Republik, gefördert durch den Leibniz-Forschungsverbund Wert der Vergangenheit und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.