Die Leuchtfarbe
Shownotes
Lip, dip, paint: Zuerst befeuchtet die Arbeiterin den Pinsel mit ihrer Lippe, tunkt ihn dann in die Farbe und beginnt anschliessend mit dem Malen. Braucht sie mehr Farbe, wiederholt sie den Prozess: Lip, dip, paint.
So bemalten Radiumsetzerinnen in den USA Uhrzifferblatt um Uhrzifferblatt mit radioaktiver Leuchtfarbe. Der Arbeitgeber dieser «Radium Girls» wird in den 1920er-Jahren verklagt.
Die Heimarbeiterinnen aber, die für die Schweizer Uhrenindustrie Zifferblätter bemalen, nehmen weiterhin Aufträge entgegen. Zwar wird die Praxis, den Pinsel mit der Lippe anzuspitzen, offiziell verboten, doch die Gefahr ist für die Frauen und ihr Umfeld dennoch nicht gebannt.
In der dritten Folge der Audio-Serie «Halbwertszeit» verfolgen die Historikerin Corinne Geering und die Journalistin Livia Grossenbacher die Spuren der Radium-Leuchtfarbe, deren gesundheitsgefährdende Auswirkung sich immer deutlicher zeigte. Diese führen sie zurück zu den Anfängen der Radiumforschung und Marie Curie, die sich viel von Radium versprach und 1934 an den Folgen hoher Strahlenbelastung starb.
Und die beiden reisen nach Bern-Bümpliz, auf das ehemalige Firmengelände von Merz & Benteli, einem Hersteller radioaktiver Leuchtfarben für die Uhrenindustrie. Auf diesem Gelände konnte bis in die 1980er-Jahre eine Strahlenbelastung festgestellt werden.
Wie kann es sein, dass sich die Gefahr von Radium über einen so langen Zeitraum immer wieder zeigte und die Behörden bei den Heimarbeiterinnen trotzdem erst 2012 nach einem «Zufallsfund» zu handeln begannen?
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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen! Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder sind Sie gar Familienmitglied oder eine andere Art von Angehöriger einer Radiumsetzerin? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Credits: Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)
Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.
Weiterführende Lektüre zu dieser Folge:
- Walter Thut, Merz & Benteli: mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2018.
- Claudia Clark. Radium Girls. Women and Industrial Health Reform, 1910–1935. Chapel Hill, NC: University of North Carolina Press, 1997.
Quellen
- Curie, Marie. Pierre Curie. New York: The Macmillan Company, 1923. S. 100, S. 185, S. 199–200.
- Emmenegger, Lukas. „‚La matière miraculeuse‘? Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzer_innen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907–1963)“. Masterarbeit, Universität Bern, 2018. S. 88.
- Eschner, Kat. „When Women Crowdfunded Radium for Marie Curie“. Smithsonian magazine, 19. Mai 2017.
- Gemeinderat Bern, Direktion für Finanzen, Personal und Informatik. Medienmitteilung „Radiumsanierung im Schlosspark Bümpliz beginnt“. Stadt Bern, 12. Oktober 2022.
- Kontrollmessungen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung, Sektion Physik. 15. Mai 1981. S. 3. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.
- Merz, W. „Radioaktive Leuchtfarben und Luftschutz“. Protar. Schweizerische Monatsschrift für den Luftschutz der Bevölkerung 5.9 (1939): S. 141–146.
- Monnier, Raymond. Les heures de la nuit. Rencontre de la radioactivité & de l’industrie horlogère. La Chaux-de-Fonds: Monyco SA, n.d. S. 34, S. 70–72, S. 76–77.
- Neuzil, Mark und William Kovarik. „The Radium Girls“. In: Mass Media and Environmental Conflict. Thousand Oaks: SAGE Publications, 1996. S. 32–52.
- „Preservation Snapshot: Radium Girls. The Story of US Radium’s Superfund Site. Orange, New Jersey“. Official Site of the State of New Jersey, 2016.
- Rentetzi, Maria. Seduced by Radium: How Industry Transformed Science in the American Marketplace. Pittsburg: Pittsburgh University Press, 2022. S. 214–216.
- Röntgen, Wilhelm Conrad. Ueber eine neue Art von Strahlen. Vorläufige Mittheilung. Würzburg: Stahel’sche K. B. Hof- und Universitätsbuch- und Kunsthandlung, 1896. S. 4.
- Schweizerische Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung. „Bericht über die Sanierungsmassnahmen auf dem Areal an der Bümplizstrasse 91 und 97 in Bern-Bümpliz“. S. 2, Abb. 6. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.
- Schweizerische Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung. „Bestandesaufnahme über radioaktive Kontamination im alten Fabrikationsgebäude der Firma Merz und Benteli (Bümplizstrasse 91) auf dem Betriebsareal“. 17. Februar 1981. Abb. 4 und 5. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.
- Thut, Walter. Merz & Benteli. Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2018. S. 10–11, S. 15, S. 37, S. 46, S. 72.
- „To Begin Two Suits Against Radium Co“. The New York Times, 24. Juni 1925, S. 21.
- Werbung für „Undark“ der Radium Luminous Material Corporation, New York. American Illustrated Magazine 92 (1921): S. 85.
- „1921: Marie Curie visits the U.S.“ National Institute of Standards and Technology, U.S. Department of Commerce, 13. August 2009.
Transkript anzeigen
00:00:05: Undark heißt die Leuchtfarbe, die Grace Fryer als Radiumsetzerin im Bundesstaat New
00:00:15: Wir sind in den frühen 1920ern, also etwa 30 Jahre vor Idas Wohnzimmer, und Grace
00:00:29: Diese Fabrik ist die United States Radium Corporation. Sie produziert und
00:00:34: verarbeitet radiumhaltige Leuchtfarbe auf Zinksulfidbasis. Radium, wird Grace und den
00:00:43: anderen Factory Girls gesagt, sei gesund. Und nachdem wir uns die Werbungen für
00:00:49: Produkte angesehen haben, ist es auch nicht schwer zu verstehen, warum das für Grace
00:01:01: Lip Dip Paint. Um die Ziffern möglichst präzise hinzubekommen, sollen die
00:01:08: Pinsel mit den Lippen anspitzen, bevor sie sie in die Farbe tunken und damit malen. Lip
00:01:20: Die geschwungenen Linien der Acht, die exakten Ecken. Der Vier. Lip, Dip, Paint.
00:01:44: Ich bin Livia Großenbacher.
00:01:46: Und ich bin Corinne Gehring.
00:01:49: Das ist Halbwertszeit.
00:01:50: Ein Podcast über die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts. Folge 3 Die
00:02:10: In den frühen 1920er Jahren sind viele der jungen Radiomsetzerinnen der United States
00:02:16: Radium Corporation krank. Grace Fryer ist nicht die einzige von ihnen, die ahnt, dass
00:02:21: die Leuchtfarbe für diese Anhäufung von Krankheitsfällen verantwortlich ist, aber
00:02:29: Untersuchungen und Abklärungen schließlich einen Anwalt findet, der sie und vier ihrer
00:02:34: Kolleginnen vor Gericht repräsentiert.
00:02:37: Zum ersten Mal wird ein Arbeitgeber wegen beruflich bedingter Erkrankungen verklagt.
00:02:41: Der Fall, wie wir vom Magazinartikel wissen, wird 1926 eröffnet.
00:02:47: Aber er zieht sich hin, während sich die Erkrankungen der Setzerinnen verschlimmern.
00:02:53: Januar 1928 das erste Mal selbst vor Gericht aussagen dürfen, kann keine von
00:03:01: heben, um den Eid zu schwören. Bevor ein Urteil gefällt wird, einigen sich die Frauen
00:03:07: ehemaligen Arbeitgeber auf einen außergerichtlichen Vergleich. Die fünf
00:03:14: sie nennt, sollen ihr ganzes Leben lang regelmäßige Entschädigungszahlungen
00:03:19: Nur haben sie davon nicht viel.
00:03:22: Grace Fryer, wie ihre vier Kolleginnen, stirbt wenige Jahre nach dem Prozess.
00:03:30: Im Zuge dieses Gerichtsprozesses wird die Praktik verboten,
00:03:33: beim Radiumsetzen den Pinsel mit dem Mund anzuspitzen.
00:03:37: Das geschieht Ende der 1920er Jahre dann auch in der Schweiz.
00:03:41: Ida sollte nach Gesetzeslage also nie die Lip-Dip-Paint-Instruktion erhalten haben.
00:03:54: Es ist im Nachhinein schwer nachvollziehbar, wie ein Stoff wie Radium
00:03:58: gleichzeitig zu diesen Prozessen in Magazinen als Heilmittel beworben werden
00:04:04: die wir über Radium kennen, finden wir häufig die Erklärung, dass die Menschen
00:04:09: nicht gewusst hätten, was die eigentliche Wirkung dieses wundersamen Elements war und
00:04:20: Marie Curie, die Entdeckerin von Radium, ist der Inbegriff dieser gängigen Erzählung.
00:04:26: Jahrelang forscht sie zu diesem neuen Stoff und stirbt dann 1934 an den Folgen.
00:04:33: Ihr Körper ist so radioaktiv, dass sie in einem Bleisarg beigesetzt wird.
00:04:41: Aber Marie Curie wusste, was sie tat. Das war keine heimtückische Überraschung, wie
00:05:01: Die Frage, was Radium ist und was man eigentlich genau darüber wusste, lässt mich
00:05:17: Ich komme an bei einem schicken Bau in einem Viertel gleich bei der Klinik und der
00:05:28: war das weltweit erste, das sich mit der Erforschung von Radioaktivität befasste.
00:05:34: weit mehr als mit Radium, aber Radium war damals eine Art Sammelbezeichnung für alle
00:05:40: radioaktiven Elemente und einiges, was wir heute wissen, war damals auch noch nicht
00:05:47: Das wird später auch noch wichtig werden. Hier in Wien möchte ich zuerst die
00:06:26: aufgeladen werden, längst erloschen sind. Ionisierende Strahlen nennt man sie heute.
00:06:36: Zum ersten Mal beobachtet von Wilhelm Röntgen, der sie so geheimnisvoll fand,
00:06:40: dass er sie als X-Strahlen bezeichnete. Marie Curie nennt das dann Radioaktivität.
00:06:54: In Wien, als damalige Hauptstadt des Imperiums Österreich-Ungarns, interessiert
00:06:59: sich die Forschung für ein Gestein, mit dem auch Marie Curie in Paris experimentiert. Es
00:07:07: schwarz glänzend, das damals im Erzgebirge abgebaut wird. Die Bergarbeiter dort nennen
00:07:14: es Pechblende, weil es für sie wertlos ist, ein Abfallprodukt. Und sie werfen es einfach
00:07:22: Marie Curie aber realisiert, dass in diesem Gestein etwas sein muss, das sie noch nicht
00:07:29: Zusammen mit ihrem Mann Pierre entdeckt sie so das Element Radium.
00:07:56: So beginnt die Geschichte der Leuchtfarbenindustrie in Curies Labor.
00:08:01: Sie bittet die österreichische Regierung, ihr die ungenutzten Abfälle aus einem
00:08:12: verpackt in Säcken, die von der langen Aufbewahrung beim Bergwerk mit Staub- und
00:08:22: Fichtennadeln bedeckt sind. Weil sie in ihrem Labor nicht genug Platz hat,
00:08:28: Curie dieses Gestein stattdessen in einem Holzschopf. Das Dach ist undicht, aber sie
00:08:36: kommt mit ihren Untersuchungen trotzdem voran, beobachtet, wie die Reagenzgläser in
00:08:52: Vier Jahre braucht sie, bis sie das Radium aus dem Gestein herausgelöst hat.
00:08:56: Aus einer Tonne Urangestein lässt sich nämlich weniger als ein Gramm Radium
00:09:03: Deshalb ist es dann auch so teuer. Über 100.000 US-Dollar kostet das Gramm.
00:09:10: Eingesetzt werden soll das Radium in Krankenhäusern, in der Krebstherapie. In der
00:09:17: nämlich in Experimenten, dass die Strahlung Krebszellen zerstört. Curie bezeichnet es
00:09:22: später als große Belohnung für die jahrelange harte Arbeit, zu sehen, dass ihre
00:09:28: wie sie es nennt, fürchterliche Krankheit und das damit verbundene Leiden bekämpfen
00:09:33: Und gleichzeitig ist es ja auch ihre Entdeckung, die die Radium Girls krank
00:09:40: Ja, und auch wenn Curie sich vor allem für den
00:09:43: medizinischen Einsatz interessierte, bereitete sie natürlich für alle möglichen
00:09:50: dadurch das Radium nun verfügbar war. Sie arbeitete selbst eng mit einem Industriellen
00:09:55: der in einem Pariser Vorort die erste Radiumfabrik weltweit gründete. Als
00:10:02: sie die Fabrik, um die Tonnen Gestein zu verarbeiten und sie brauchte auch gute
00:10:12: den Bergbaugebieten liefern konnten. Und während Curie sich vor allem für die Medizin
00:10:17: produziert die Fabrik das Radium dann auch für andere, deutlich rentablere
00:10:30: So kommt die Leuchtfarbe vom Bergwerk im Erzgebirge via Marie Curies Holzschopf und
00:10:42: am Ende also in Idas Wohnzimmer. Wahrscheinlich bekommt Ida die Farbe als
00:10:51: den Behälter voll gelb-grünem Puder, sagen wir bei sich am Arbeitstisch, und während
00:10:57: Farbpartikel vom Rand des Fläschchens fallen und in den Ritzen ihres
00:11:03: Fasern ihrer Kleidung hängen bleiben, mischt sie das Pulver mit einer
00:11:12: und rührt die Farbe an. Noch ein Zifferblatt. Die geschwungenen Linien der
00:11:28: Von Leuchtfarbenfirmen in der Schweiz hergestellt, wird die Radiumfarbe über
00:11:33: Uhrenhersteller vertrieben und dann zusammen mit Zifferblättern und Zeigern an
00:11:47: Rasen nicht betreten. Zwei Rasenflächen werden saniert.
00:11:52: Genau, aber reingehen dürfen wir schon.
00:11:54: Achso, wir dürfen reingehen.
00:11:55: Ja, ja, das ist alles öffentlich.
00:11:57: Wir haben hier so eine Infotafel.
00:11:59: Wir besuchen den Schlosspark in Bündlitz in der Stadt Bern.
00:12:03: Bis 1974 werden hier von der Firma Merz & Bentley radioaktive Leuchtfarben
00:12:09: Seit 1977 gehört das Areal der Stadt Bern.
00:12:12: Ja, wir sind auch hier an einem relativ so verhangenen Frühlingsmorgen jetzt.
00:12:18: Es ist ein bisschen kalt und es ist noch ein bisschen feucht alles vom Regen.
00:12:26: Der Rasen, den wir nicht betreten dürfen, befindet sich im Rosengarten, direkt neben
00:12:31: dem neuen Schloss Bümplitz, das mitten in einem Parkareal steht. Umgeben ist es von
00:12:37: Häuschen aus Stein und einem Kiesplatz, auf dem wir stehen und uns einen Überblick über
00:12:45: In diesen Gebäuden also stellte die Firma Merz und Benteli Leuchtfarben her. Die
00:12:52: mit denen man die leuchtenden Sterne bemalen kann, die Kasperle von einem
00:13:02: Corinne und ich haben beide historische Dokumente
00:13:05: und Karten dabei, die wir mit der gegenwärtigen Version des Schlossparks
00:13:13: die im Dezember 1980 auf dem Gelände durchgeführt wurden. Hier hast du Messwerte.
00:13:22: so bei 250 im Radiumraum hier. Okay. Was gemessen wird, nennts ich
00:13:38: Das darf zu diesem Zeitpunkt hier 50 sein.
00:13:42: Weil dann wird es so gerechnet, dass auch wenn sich ein Mensch dauernd auf diesen
00:13:49: sollte dieser Mensch dann nicht mehr abbekommen, als die Strahlendosis, die legal
00:13:56: Das heißt, wir haben hier zwischen fünffach und achtfache.
00:13:59: Diese höchstwerte wurden im sogenannten Radium-Raum des damaligen Fabrik
00:14:06: gebäudes gemessen, aber auch in den anderen Räumen des Gebäudes ist die Strahlung um ein
00:14:12: höher als das damalige legale Maximum von 50 Mikroröntgen pro Stunde. Sogar auf der
00:14:21: ein Wert von 180 gemessen. Nach diesen Messungen wird das Gebäude in den 80ern dann
00:14:31: Wir gehen über den Kiesplatz vor dem Neuen Schloss und sprechen darüber,
00:14:35: was das eigentlich für eine Farbe war, die die Firma hier hergestellt hat.
00:14:40: Hier im Neuen Schloss finden heute standesamtliche Trauungen statt.
00:14:44: Und ebenfalls in diesem Gebäude begannen Walter Merz und Albert Benteli damals mit
00:14:51: So, genau.
00:14:50: Also zu dem Zeitpunkt, wo Albert Bentelis Vater das neue Schloss erwirbt, ist 1913.
00:15:02: Und 1918 gründete Albert Betneli zusammen mit einem Mitstudenten, Walter Merz, das
00:15:13: Es ist schon ein fancy Ort, um sowas zu machen.
00:15:16: Ja, es ist halt einfach im Elternhaus.
00:15:18: Ja. Also es ist eine sehr improvisierte Angelegenheit.
00:15:22: Merz und Benteli lernten sich beim Chemiestudium kennen,
00:15:26: weil sie beim gleichen Professor studierten
00:15:29: und sich dort mit radioaktiven Leuchtfarben beschäftigten.
00:15:33: Das heißt, sie beginnen hier mit der Leuchtfarbe
00:15:35: und dann wird der Platz zunehmend knapp.
00:15:39: Offensichtlich gibt es im Elternhaus keine weiteren Möglichkeiten,
00:15:43: weitere Räume zu beziehen.
00:15:45: Das heißt, man breitet sich auf dem Areal aus. 1923 bereits wird ein kleiner
00:15:50: Schopf gebaut, den es heute auch nicht mehr gibt. Und man benutzt auch diese beiden
00:15:57: Häuschen, wo wir uns auch gleich, also wir stehen ja gleich neben einem dieser beiden
00:16:01: Häuschen, und zwar das Waschhaus und das Gartenhaus. Im Gartenhaus stand ein
00:16:14: Die Firma Merz & Benteli entwickelt eine eigene Methode, um Radiumleuchtfarben
00:16:20: mit Zinksulfid, wie die United States Radium Corporation.
00:16:25: Walter Merz schreibt dann zu diesem Thema auch seine Doktorarbeit.
00:16:29: Das ist die Grundlage für die Farbproduktion, die quasi als
00:16:39: Nach der Beschreibung eines langjährigen Mitarbeiters hat man Zinkblöcke
00:16:44: etwa 20 Kilogramm schwer geschmolzen und dann mit kaltem Wasser abgekühlt und diese
00:16:53: Masse hat man dann in Salzsäure aufgelöst und zu Pulver verstampft. Dann wurde dieses
00:17:01: erhitzt im Glühofen und in der Dunkelkammer wurde es dann nach Qualitäten aussortiert.
00:17:07: Die Leuchtfarben benannten Merz und Bentley nach Sternen: Venus, die Farbe mit der
00:17:27: Dann kommt ja...
00:17:29: Soll ich vielleicht den Regenschirm noch mal ausspannen?
00:17:32: Dann kommt etwas zur Produktpalette dazu, was dann eben auch die Grundlage ist, warum
00:17:40: Die beiden entwickeln einen Leim. 1932 wird Zementit lanciert als Leim für die
00:17:55: Bleibt er bis heute?
00:17:56: Eins der wenigen fassbaren Dinge, die von Merz & Bentelis Leuchtfarbenunternehmen
00:18:03: rote Tuben Leim mit gelber Schrift, aufbewahrt in den Bastelschränken und
00:18:10: Aber die Arbeit mit Radium, die zuerst ein neues Fabrikgebäude erfordert und dieses
00:18:24: Also wir stehen neben dem Gartenhaus und vor uns würden wir den Bach sehen,
00:18:27: wenn nicht alles so zugewachsen wäre
00:18:29: durch irgendwelche Sträucher.
00:18:31: Also hier war dieser Schopf.
00:18:34: Es wird definitiv nicht gewartet hier.
00:18:37: Nein.
00:18:39: Aber hier habe ich tatsächlich Messungen
00:18:41: auch vor und nach der Sanierung dazu.
00:18:44: Okay.
00:18:45: Obwohl dort auch nach Wissen der Suva
00:18:48: vor allem dieses Zinksulfid hergestellt wurde in diesem Schopf, war der Boden mit
00:18:56: Deshalb wurde der dann auch abgebrochen.
00:18:59: Und, kannst du das mal halten?
00:19:04: Vor dem Gebäude, wahrscheinlich im Vordach ist diese gestrichelte Linie.
00:19:10: Mit der Tür hast du Werte und dann auf dem Weg entlang geht es immer weiter ab.
00:19:17: Und das siehst du wirklich, dass wahrscheinlich da jemand diese Farbe an den
00:19:21: hatte, zur Tür rausgekommen ist. Und dann geht man ja da auch nicht immer sauber auf
00:19:27: sondern geht ja manchmal auch wie über den Rasen und dass sich dann dort auch wirklich
00:19:35: Die Spuren der Farbproduktion sind auch heute noch da und lassen sich nicht so
00:19:41: 2022 musste hier erneut radioaktive Erde ausgehoben werden.
00:19:46: Corinne und ich tippen darauf, dass die neu gesäten Rasenflächen, die wir nicht betreten
00:19:53: Eine sichtbare Konsequenz einer unsichtbaren, langwierigen Beschädigung.
00:19:58: Ob die Hersteller der Leuchtfarbe um den hohen Preis gewusst haben, den sie da von
00:20:06: Wir wissen nicht, ob sich die Gefährlichkeit dessen bewusst war.
00:20:11: Die weitere Entwicklung deutet nämlich nicht unbedingt darauf hin,
00:20:15: weil Albert Bentley nämlich die Angewohnheit hatte,
00:20:21: sich radioaktives Material in die Brusttasche des Labormantels zu stecken.
00:20:27: Also so ein Fläschchen zum Beispiel.
00:20:27: Ja, halt verschiedene Dinge, die er halt irgendwie mal kurz verstauen wollte,
00:20:32: wenn er vielleicht die Hände für was anderes brauchte.
00:20:35: Und dieser Teil seines Körpers,
00:20:37: also er starb dann 1955, also dieser Teil zwischen Fuß-, Halsgegend und Kiefer, war zu
00:20:46: Andere, die mit Merz und Benteli Geschäfte
00:20:52: machten, scheinen aber zumindest eine Ahnung von der gefährlichen Natur der Farbe
00:20:58: In den frühen 1950ern erreichten Briefe besorgter Industrieller die Bundesbehörden.
00:21:04: Einer der Briefe kommt aus dem Westschweizer Jura, von der Firma Monnier in
00:21:10: einem der wichtigsten Zwischenhändler von Merz und Benteli.
00:21:13: Der Firmengründer Luc Monnier richtete auf der Veranda der Familienwohnung ein
00:21:19: und baute diese später zu einer kleinen Fabrik aus.
00:21:23: Ein Besuch eines Vertreters der Brandhurst Company aus England
00:21:26: brachte die heile Welt in La Chaux-de-Fonds ins Wanken, indem er ausrief
00:21:30: Monsieur, vous êtes des assassins. Sir, you are a murderer. Das Radium-Setzatelier war
00:21:38: und wandte sich an die Behörden in Bundesbern. Sie fragten in ihrem Brief,
00:21:45: Leukämie, schlimmer? Gibt es eine Reglementation in der Schweiz? Wird eine
00:21:53: Die ausweichende Antwort aus Bundesbern, wir wissen nichts und sowieso diese
00:22:00: Die Produktion ging noch Jahre weiter, bis Monnier in seinem Körper einen Knoten
00:22:05: genau dort, wo er die Gewohnheit hatte, in seine Weste die Reagenzgläser mit dem
00:22:14: Drei Monate später war er tot. Ihn ereilte das gleiche Schicksal wie Albert Benteli.
00:22:20: Jahrzehnte später muss sein Atelier in La Chaux-de-Fonds saniert werden.
00:22:26: Das war Halbwertszeit. Folge 3 von 5. Die Leuchtfarbe.
00:22:45: Halbwertszeit ist eine Podcast-Serie von mir, Corinne Gehring.
00:22:50: Und mir, Livia Grossenbacher
00:22:53: Produktion Vivienne Kuster und Musik Fatima Dunn.
00:22:56: Schnitt und Sound Design Livia Großenbacher und Mastering Philipp Teichert. Ein Podcast
00:23:07: der Republik gefördert durch den Leibniz Forschungsverbund Wert der Vergangenheit und
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