Die Strahlendosis
Shownotes
Im Herbst 1959 ist die Heimarbeiterin Ida 47 Jahre alt. An ihrem Arbeitstisch im Wohnzimmer mischt sie Pulver und Lösemittel zu Farbe an und malt Uhrenziffern, die im Dunkeln leuchten.
Die Behörden wissen zu diesem Zeitpunkt, dass diese Arbeit gesundheitsgefährdend ist, und versenden ein Flugblatt an Radiumsetzerinnen wie Ida. Darauf sind Anweisungen zu Schutzmassnahmen, die aber eigentlich unwirksam sind.
In der vierten Folge von «Halbwertszeit» gehen Corinne Geering und Livia Grossenbacher der Frage nach, wieso es für Arbeitsschutz so lange dauerte. Ihre Recherchen führen sie zum Uranbergbau und zu einem Arzt, der in jungen Jahren Heimarbeiterinnen untersuchte: Beat Marti hielt damals im Auftrag des Gesundheitsamtes die langfristigen gesundheitlichen Folgen fest, an welchen Radiumsetzerinnen wie Ida litten.
Und die Autorinnen stossen auf unerklärliche Daten in Strahlenmessungen der 1980er-Jahre. Aufgrund dieser hätten die Behörden eigentlich schon damals die Wohnungen der ehemaligen Heimarbeiterinnen untersuchen müssen.
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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen! Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder sind Sie gar Familienmitglied oder eine andere Art von Angehöriger einer Radiumsetzerin? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Credits: Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)
Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.
Weiterführende Links zu den Themen dieser Episode:
- Ayse Turcan. „Die Frauen hinter dem Leuchten der Uhren und Wecker“. swissinfo.ch, 5. Juni 2021.
- Brigitte Studer. „Der Körper der Uhrenarbeiterinnen als blinder Fleck des Schweizer Arbeitsschutzes und der Geschlechtergeschichte“. In: Anna Becker, Almut Höfert, Monika Mommertz, Sophie Ruppel (Hg.): Körper – Macht – Geschlecht. Einsichten und Aussichten zwischen Mittelalter und Gegenwart. Frankfurt/New York: Campus, 2020. S. 411–420.
Quellen
- Aub, Joseph C., Robley D. Evans, Louis H. Hempelmann und Harrison S. Martland. „The Late Effects of Internally-Deposited Radioactive Materials in Man“. Medicine 31.3 (1952): S. 221–229.
- Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit. „Merkblatt für Heimarbeiter in der Uhrenindustrie, die radioaktive Leuchtfarbe setzen“. 1959. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
- Ebert, Martin und Wolfram Keβler. Schlemas Wässer wirken Wunder. Radiumbad Oberschlema. Schlema: Gemeindeverwaltung, 1991. S. 21.
- Eidg. Gesundheitsamt. Brief des Direktors an das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, 17. Juni 1959. S. 1, S. 2. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
- Eidg. Gesundheitsamt, Sektion Strahlenschutz. Entwurf des Briefes an Leuchtfarbenarbeiterinnen. ca. 1962. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
- Eidg. Gesundheitsamt, Sektion Strahlenschutz. Brief an Leuchtfarbenhersteller. 12. Juli 1963. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
- Emmenegger, Lukas. „‚La matière miraculeuse‘? Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzer_innen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907–1963)“. Masterarbeit, Universität Bern, 2018. S. 36, S. 95, S. 98–101.
- Favre, F. „A propos de quelques cas de radiodermite chez des ‚poseuses de radium‘“. Dermatologica 121 (1960): S. 26–31.
- Huber, O. „26. Bericht der Eidg. Kommission zur Ueberwachung der Radioaktivitaet fuer das Jahr 1982 zuhanden des Bundesrates“. Dezember 1983. S. 20.
- Huber, O. „28. Bericht der Eidg. Kommission zur Überwachung der Radioaktivität für das Jahr 1984 zuhanden des Bundesrates“. November 1985. S. 27–28.
- Looney, William B. „Effects of Radium in Man“. Science 127.3299 (1958): S. 630–633.
- Marti, Beat. Medizinische Untersuchungen bei Heimarbeiterinnen, welche radiumhaltige Leuchtfarben verwenden. Zürich: Juris, 1965. S. 5, S. 7, S. 10–14.
- Marti, Sibylle. Strahlen im Kalten Krieg: Nuklearer Alltag und atomarer Notfall in der Schweiz. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2021. S. 154.
- Martinez, Nicole E. et al. „Radium dial workers: back to the future“. International Journal of Radiation Biology 98.4 (2022): S. 750–768.
- “Procès-verbal de la IIIème séance de la Commission professionelle fédérale pour le travail à domicile dans l’industrie horlogère, à Bienne, le 9 novembre 1951“. S. 4. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7170B#1968/105#75*, Az. 043.241, Eidg. Fachkommission für die Heimarbeit in der Uhrenindustrie, 1947–1954. - Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva). „Strahlenschutz: Der lange Kampf gegen das Tritium“. suva, n.d.
- „Stellungnahme des Bundesrates vom 09.11.2022“ zur Interpellation 22.3936 „Radioaktive Farben. Gilt das Verursacherprinzip nicht für die Uhrenindustrie?“ von Martina Munz, 20. September 2022. Die Bundesversammlung – Das Schweizer Parlament.
- Turcan, Ayse. „Die Frauen hinter dem Leuchten der Uhren und Wecker“. swissinfo, 5. Juni 2021.
- „Verordnung des Bundesrates betreffend unzulässige Verrichtungen in der Heimarbeit (Vom 29. August 1947)“. Staatsarchiv Thurgau, Sign. 3’69, 0.3/20, 193. S. 507.
- „Geheimsache Uranbergbau. Die Wismut AG - ein ‚Staat im Staat‘“. Das Bundesarchiv, n.d.
- Zeman, Zeman und Rainer Karlsch. Uranium Matters: Central European Uranium in International Politics, 1900–1960. Budapest/New York: Central European University Press, 2008. S. 51.
Transkript anzeigen
00:00:07: Im Herbst 1959 ist Ida 47 Jahre alt.
00:00:12: An ihrem Arbeitstisch im Wohnzimmer mischt sie Pulver und Lösemittel zu Farbe an,
00:00:18: malt Ziffern, die im Dunkeln leuchten.
00:00:24: Wenn sie nicht arbeitet, dann kommt in diesem Herbst wohl schon oft Gusti bei ihr
00:00:30: Sie lernen sich im Zug kennen.
00:00:31: Ida und dieser Mann aus dem französischen Jura, der nach den Beschreibungen meines
00:00:42: Wenn Idas Arbeitgeber den Vorgaben folgte,
00:00:46: bekommt sie als Radiumsetzerin in diesem Herbst 1959 ein Flugblatt ausgehändigt.
00:00:52: Da steht, im Interesse des Gesundheitsschutzes gestatten wir uns,
00:00:57: sie auf Folgendes aufmerksam zu machen.
00:01:00: Es folgt eine Liste mit Anweisungen, die Ida von nun an bei ihrer Arbeit befolgen
00:01:08: Selbst wenn sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht im geringsten ahnt,
00:01:12: dass die Arbeit mit Leuchtfarbe gefährlich ist,
00:01:15: jetzt allerspätestens bekommt das Ganze einen seltsamen Beigeschmack.
00:01:21: Ida soll zum Beispiel von ihrem Arbeitgeber ein Bleikästchen bekommen,
00:01:26: um die Leuchtfarbe darin aufzubewahren.
00:01:30: Zitat, Farbfläschchen dürfen nie in die Tasche gesteckt werden.
00:01:34: Der Arbeitsplatz darf zu keinem anderen Zweck benutzt werden.
00:01:38: Zitat Ende.
00:01:41: Ja, aber der Arbeitsplatz ist Idas Wohnzimmer.
00:01:45: Ist ein Date ein anderer Zweck?
00:01:48: Radio hören?
00:01:49: Zeitung lesen?
00:01:51: Zitat, in einem Haushalt, in dem sich Kinder unter zwölf Jahren befinden,
00:01:56: dürfen keine Leuchtfarben verarbeitet werden.
00:02:04: Zitat Ende. Für alle Setzerinnen in Heimarbeit,
00:02:05: die kleine Kinder haben, bedeutet es also das Ende ihrer Tätigkeit, wenn sie die
00:02:20: in irgendeiner Form aufrecht zu erhalten, obwohl es bereits vollkommen klar war, dass
00:02:30: Im gleichen Jahr steht in einem Brief des Alkeneusischen Gesundheitsamtes, die
00:02:36: Leuchtfarbe sei, Zitat, der krasseste Widerspruch zu den heute als notwendig
00:02:43: beim Umgang mit radioaktivem Material in unserem Lande.
00:03:02: Ich bin Livia Großenbacher.
00:03:06: Und ich bin Corinne Gehring.
00:03:13: Das ist Halbwertszeit, ein Podcast über die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts.
00:03:28: Folge 4 Die Strahlendosis. Der krasseste Widerspruch. Diese Beschreibung im Brief
00:03:33: Kurz danach werden mit der Strahlenschutzverordnung 1963 diese
00:03:40: Die Radiumleuchtfarbe ist darin aber nur ein ganz kleines Anhängsel.
00:03:46: In der Verordnung geht es in allererster Linie um das erste Atomkraftwerk, das Ende
00:03:54: Aber auch für die Radiumleuchtfarbe bedeutet das nun, für den Umgang mit
00:04:03: Um die zu erhalten, muss man bestimmte Voraussetzungen für den Strahlenschutz
00:04:08: Und das ist bei Heimarbeiterinnen natürlich nicht der Fall.
00:04:12: Für sie bedeutet es das faktische Ende ihrer Tätigkeit.
00:04:16: Während wir uns eine Reihe von Briefen von Ärzten anschauen, die sich jahrelang für den
00:04:53: Ich frage mich sowieso, was die Behörden eigentlich über Radium und die
00:04:59: wussten. Zu diesem Zeitpunkt hat Luc Monnier ja schon längst seinen Brief an die
00:05:06: Wir schauen uns also noch mal genauer an, was alles passiert, bevor es 1963 zum
00:05:12: Verbot kommt. Unser Fazit, man wusste von der Schädlichkeit von Radium, aber offenbar
00:05:19: «Radium Girls» denkt man, dass die Krankheiten vom Pinselablecken kommen und
00:05:25: verbieten das. Problem teilweise behoben. Gleichzeitig ist man mit anderen
00:05:31: Materialien beschäftigt, mit denen in Heimarbeit noch bis weit ins 20. Jahrhundert
00:05:37: wird. 1947 verbietet der Bundesrat die Heimarbeit mit Sprengstoff und Zündmassen,
00:05:48: Stattdessen erlässt man einfach immer neue Empfehlungen, um weiter mit Radium arbeiten
00:05:53: zu können. Teil davon ist eben auch dieses Merkblatt, das noch 1959 an die
00:06:03: Was wusste man wirklich über die Schädlichkeit von Strahlung? Um das besser
00:06:08: verstehen, gehe ich dorthin, wo man weltweit die ersten größeren Untersuchungen
00:06:16: bedingten Krankheiten durchgeführt habe ich gehe dorthin zurück wo das radium herkommt
00:06:21: Verehrte Bergbrüder und Bergschwestern, meine Damen und Herren. Wir gedenken der 33
00:06:46: größten Grabungsunglück der Wismut vom 15. Juli 1955.
00:06:51: Es ist ein sonniger Tag im Juli und ich habe es gerade noch rechtzeitig zum Bergmannstag
00:06:59: in Auerbad Schlema geschafft.
00:07:01: Die Kleinstadt liegt im Erzgebirge in Deutschland, nicht weit von dort entfernt,
00:07:06: Gestein für Marie Curie herkam.
00:07:13: Es ist beschaulich hier, doch Auebad Schlema hat eine turbulente Geschichte
00:07:26: von Radium alles. Das bislang als wertlos erachtete Urangestein gewinnt plötzlich
00:07:33: an Wert. Messungen der Gewässer zeigen hohe radioaktive Werte und neben den Bergbauminen
00:07:41: Das stärks te der Welt, wie die Werbung damals stolz verkündet. Mit dem Ende des
00:08:03: Die sowjetischen Besatzer interessieren sich nämlich so gar nicht für den
00:08:08: sondern für das Urangestein, das da unter der Erde liegt.
00:08:13: Sie benötigen dieses nämlich für die Atomwaffenproduktion.
00:08:18: Bad Schlemer wird so zu einem zentralen Standort des Bergbauunternehmens Wismut in
00:08:25: des damals drittgrößten Produzenten von Uran weltweit.
00:08:30: Dieses Gedenken gilt auch allen Bergleuten weltweit,
00:08:35: die bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zu Tode oder zu Schaden gekommen sind.
00:08:40: Walter Rühe, Kreisverstand IG Wismut, Martin Bittl, Maurer Brigadier, Willi
00:08:51: Auf einem kleinen Hügel bei einem Denkmal, dem Ehrenhain, haben sich an diesem
00:08:58: Viele von ihnen in Bergmannstracht, um den verstorbenen Bergleuten zu gedenken.
00:09:04: Wie viele das alleine für die Region im Erzgebirge sind, die wegen ihres Berufs ums
00:09:17: Es ist eine harmlos klingende Erkrankung, die die Arbeiter in dieser Region seit
00:09:23: befällt, die Schneeberger Krankheit.
00:09:25: Sie beginnt häufig mit Husten, verschlimmert sich mit Atemnot
00:09:30: und verläuft tödlich. Heute würden wir es Lungenkrebs nennen. Die Krankheit war
00:09:36: unter Bergleuten, die das schon lange mit ihrem Beruf in Verbindung brachten.
00:09:41: Die Mediziner aber stritten über die Ursache.
00:09:45: Einige machten durchaus den Staub in der Bergmine dafür verantwortlich,
00:09:49: andere aber schoben das auf die Armut und die Mangelernährung in der Region.
00:09:54: Heute sind wir uns hingegen sicher, dass es an der radioaktiven Strahlung des
00:10:00: das die Bergleute abgebaut haben.
00:10:02: Ja, weil die Mediziner, die den Beruf verantwortlich machten,
00:10:05: das in mehreren langwierigen, mühseligen Studien auf der Grundlage von hunderten
00:10:14: Man muss sich das so vorstellen.
00:10:16: Strahlenschäden nachzuweisen, die von einer kurzen, hohen Strahlendosis kommen,
00:10:20: wie zum Beispiel bei Atombombenabwürfen, das ist einfach, das ist naheliegend.
00:10:25: Wenn die Strahlung aber über einen längeren Zeitraum in geringerer Dosis auf den Körper
00:10:32: und die Betroffenen erst Jahre später erkranken, dann ist die Strahlung als
00:10:40: Das lässt sich bei einem einzelnen Menschen dann eigentlich gar nicht mehr sagen.
00:10:44: Man kann es also nur mit statistischen Methoden belegen.
00:10:49: Man muss nachweisen können, dass bestimmte Krankheiten bei bestimmten Gruppen häufiger
00:11:05: zurückweisen. 1925 wird dann die Schneeberger Krankheit als Berufskrankheit
00:11:11: Das passiert also gerade gleichzeitig wie die Radium Girls Prozesse. Auch dort kämpfen
00:11:16: MedizinerInnen darum, dass die Erkrankungen der SetzerInnen als Berufskrankheit
00:11:22: Ja, und diese beiden Fälle zeigen auch die Krux in all dem.
00:11:26: Damit eine Erkrankung einer Radiumsetzerin als Berufskrankheit anerkannt werden kann,
00:11:31: muss zuerst einmal belegt sein, dass sie durch den Beruf Schaden genommen hat.
00:11:37: Und dazu gab es in der Schweiz keine Daten.
00:11:39: Wir wissen aber aus den Briefen zwischen dem Gesundheitsamt und dem Bundesamt für
00:11:54: Die Sektion Strahlenschutz beim Eidgenössischen Gesundheitsamt führt also
00:12:00: eine Studie durch. In einem behördlichen Schreiben lesen die Leuchtfarbensetzerinnen,
00:12:06: wären sie wohl bereit, in den nächsten Tagen einen von uns geschickten jungen Arzt
00:12:17: Selbstverständlich werden alle ihre Auskünfte mit strengster Diskretion
00:12:24: Ich habe dort geschaut, wie die Frauen das Radium aufgebracht haben, die Leuchtsäffchen
00:12:37: Der junge Arzt, von dem im Brief die Rede ist, ist heute 92 Jahre alt.
00:12:43: Obwohl sein gesundheitlicher Zustand nicht gut ist, empfängt mich Dr. Beat Marti bei
00:12:49: und erzählt mir auf seiner blumengemusterten Couch im Wohnzimmer von
00:12:55: Die Heimarbeiterinnen, die zum Teil auf dem Küchentisch radiumhaltige Leuchtfarben, auf
00:13:13: Natürlich interessierte Dr. Marti bei den Besuchen mehr als die Arbeit der Frauen.
00:13:18: Sein eigentliches Interesse galt ihren Knochen.
00:13:22: Die Leute bekamen Spontanfrakturen, das heisst ihre Knochen brachen, weil die
00:13:41: Das war wirklich auch eine furchtbare Sache. Wir hatten eine
00:13:53: Die Frau ist die Gamma-Strahlung nie mehr losgeworden.
00:14:00: Dr. Marti meint damit, dass sich das Radium in den Knochen der Frau abgelagert hatte.
00:14:06: Dort führt die Strahlung zu Schäden im Zellgut, die der Körper nur langsam
00:14:12: Eine kleine Menge radioaktiver Strahlung bleibt also ohne Folgen.
00:14:17: Aber wenn der Kippmoment erst mal erreicht ist, kann er nicht mehr rückgängig gemacht
00:14:24: Die Reparaturmechanismen des Körpers kommen nicht mehr nach und Gewebe stirbt
00:14:29: ab oder es kommt zu Mutationen, was dann zu Krebs führen kann.
00:14:34: Bert Marti besucht 1962 insgesamt 60 Frauen, die in Heimarbeit Radium setzen. Um
00:15:00: die von ihren Körpern ausgeht.
00:15:03: Gemessen und berechnet wird dabei die Body Burden,
00:15:06: die Gesamtmenge an radioaktiven Substanzen im Körper.
00:15:10: Von den 28 Setzerinnen, die in Genf untersucht werden, liegen 10 über dem
00:15:25: Zusätzlich zu den Radiumsetzerinnen werden in Genf in Rahmen dieser Untersuchungen auch
00:15:29: die mit den Radiumsetzerinnen zusammen im selben Haushalt lebten.
00:15:33: Die Untersuchungen haben nämlich auch gezeigt,
00:15:36: dass in größerer Entfernung zum Arbeitsplatz und dessen Umgebung
00:15:40: immer noch erhebliche Strahlung nachgewiesen werden konnte.
00:15:44: Das liegt daran, dass von der Leuchtfarbe eigentlich zwei Gefahrenquellen
00:15:50: ausgehen. Das Radium im Farbfläschchen selbst ist nur die eine. Hier wird Strahlung
00:15:57: auch wenn man noch so vorsichtig mit dem umgeht, um ja nichts zu verschütten. Und
00:16:03: eben noch die zweite, das Zerfallsprodukt von Radium. Radon, ein Gas, das sich über
00:16:10: im ganzen Raum verbreitet, sobald das Fläschchen geöffnet wird.
00:16:15: Deshalb werden auch die Kinder und Ehemänner der
00:16:21: Setzerinnen untersucht. Die gemessenen Werte sind bei ihnen nicht so hoch wie bei
00:16:26: selbst, aber auch hier ist die Bodyburden in mehreren Fällen höher, als sie sein darf.
00:16:33: den insgesamt 43 untersuchten Menschen haben laut den Untersuchungen mehr als ein
00:16:46: radioaktive Substanzen aufgenommen.
00:16:48: Die Untersuchungen von Dr. Marti beschreiben,
00:16:51: was den Behörden in der Schweiz aus internationalen Veröffentlichungen bereits
00:16:55: Das Ausmaß der Langzeitfolgen.
00:17:00: Die Arbeiterin, an die sich Dr. Marti während unseres Interviews erinnert,
00:17:04: ist in seiner Studie als BE0106 vermerkt.
00:17:09: Nachdem sie 15 Jahre lang mit Leuchtfarben gearbeitet hatte,
00:17:12: erlitt sie mit 49 Jahren spontane Knochenbrüche in beiden Oberschenkeln.
00:17:19: Fünf Jahre später, zum Zeitpunkt von Martis Untersuchung, sind die Brüche immer noch
00:17:26: Zusätzlich zu dieser unglaublichen Einschränkung beschreibt die Heimarbeiterin
00:17:38: Bei seinen Untersuchungen begegnen Dr. Marti weitere Symptome. Der direkte
00:17:52: langen zeitlichen Verzögerungen zu erschwerter Wundheilung führen und natürlich
00:18:01: eine tödliche Fall, über den Dr. Marti berichtet, ist eine Heimarbeiterin, die mit
00:18:07: Folgen eines Tumors in ihrem rechten Oberschenkel stirbt.
00:18:11: Noch einmal der Oberschenkel. Stellen wir uns Ida
00:18:16: vor, die roten Haare aus der Stirn gebändigt, als eine von vielen
00:18:23: mit ihr in dieser Uhrenstadt arbeiten. An Küchentischen, Pulten, ausgeklappten
00:18:31: Als sie sich zur Arbeit hinsetzen, beugen sich einige der Heimarbeiterinnen vor, holen
00:18:42: Schubladen ihrer Schreibtische und mischen Farbe zum Malen an. Bevor sie den Pinsel
00:18:51: stellen sie das Fläschchen zurück in die Schublade und dort bleibt es, während sie
00:18:57: paar Zentimeter und einige unbedeutende Schichten Holz, Stoff, Haut und Gewebe vom
00:19:11: Und selbst wenn doch, würde sie in den anonymisierten Daten seiner
00:19:16: Untersuchungen unsichtbar bleiben. Soweit ich weiß, hatte sie keine
00:19:20: spontanen Knochenbrüche und in den 60er Jahren auch sonst keine Symptome,
00:19:25: an denen wir sie in den Akten wiedererkennen könnten.
00:19:31: Wie die anderen Setzerinnen öffnet Ida das Leuchtpulverfläschchen auf ihrem
00:19:38: fügt das Lösemittel zum Pulver hinzu, platziert ein Zifferblatt neben dem Deckel
00:19:44: Fläschchens und setzt den Pinsel an für eine weitere exakte Ecke einer Vier. Die
00:19:51: routiniert und präzise ihre Hand ganz ruhig. Das Zifferblatt, der Arbeitstisch,
00:20:05: Immer und immer wieder.
00:20:14: Einatmen.
00:20:17: Ausatmen.
00:20:24: Einatmen.
00:20:28: Meine Grossmutter erinnert sich daran, wie Ida krank wurde.
00:20:58: Ich bitte sie, mir davon zu erzählen und sie sagt, Ida dachte, es wäre Asthma, das
00:21:04: Husten, das Keuchen, die Momente, in denen das Atmen schwierig war.
00:21:09: Das ist dann schlimmer geworden. Was mir aufgefallen ist, dass sie einfach so
00:21:27: Am Ende holt das Radium auch sie ein.
00:21:30: Noch eine Setzerin, eine weitere Frau mit einem feinen Pinsel und nicht viel eigenem
00:21:37: Es stillt ihr den Atem, diesem Hitzkopf, dieser Malerin von Bildern groß genug für
00:21:46: Das Radium lässt die Schaum aus ihrer Lunge husten und verbietet ihr schließlich den
00:21:53: Ich frage mich, ob Ida andere Heimarbeiterinnen kannte, die krank wurden.
00:22:16: Man wusste es ja, sagte man zu mir, als ich an der Tür klingelte.
00:22:21: Die 60 Frauen in Dr. Martis Studie sind nur ein kleiner
00:22:26: Teil der Heimarbeiterinnen, die Anfang der 60er Jahre bei sich zu Hause Radium setzen.
00:22:32: eine der punktuellen spezifischen Studien, wie sie der Bundesrat nennt, die wir heute
00:22:38: gesundheitlichen Auswirkungen des Setzens radioumhaltiger Leuchtfarbe in der Schweiz
00:22:43: haben. Eine umfassende Studie wird nicht durchgeführt. Eine medizinische Überwachung
00:22:56: Aber Heimarbeiterinnen gelten als Privatpersonen,
00:23:00: Privatpersonen, die wegen ihrer Arbeit krank werden. Noch Jahre nach dem Einführen
00:23:09: Strahlenschutzverordnung vermittelt die SUVA ehemalige Radiumsetzerinnen an
00:23:14: und Chirurginnen, um die Langzeitfolgen ihrer Arbeit behandeln zu lassen.
00:23:20: Besonders oft geht es um ihre Hände und eben um Symptome, die stark verzögert
00:23:26: Die Frauen, die ein Arzt in Biel untersuchte, arbeiteten zum Beispiel schon
00:23:31: als Radiumsetzerinnen, bevor sich an ihren Händen Strahlenkrebs zeigte.
00:23:37: Mehr wissen wir leider nicht, weil man in der Schweiz keine umfassende Studie
00:23:43: Ich schaue mir also die Datenlage in anderen Ländern an und interessanterweise
00:23:49: In den USA wurden nämlich seit den 1970er Jahren Kohortenstudien durchgeführt. Man
00:24:07: Das tatsächliche Ausmass, die Zahl der Diagnosen und Krankenhausbetten und zu
00:24:27: aber erfordert eine Bewilligung, die sie niemals kriegen können.
00:24:31: Es kann gut sein, dass die Heimarbeiterinnen das Ende des Radiumsetzens
00:24:36: sondern als Problem wahrgenommen haben, weil ihr Einkommen ausfiel.
00:24:41: Die Behörden hatten die soziale Härte dieser Situation auch im Blick. Betroffene
00:24:46: konnten sich bei der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit melden,
00:24:50: damit ihnen eine andere Heimarbeit zugeteilt werden kann. Ein Teufelskreis,
00:24:55: der nicht endet für diese Arbeiterinnen zweiter Ordnung.
00:25:03: Es scheint, als wäre mit der Strahlenschutzverordnung von 1963 das Thema
00:25:11: ja 2012 dann, diese Fläschchen auf der Baustelle bei der Bieler Autobahnumfahrung
00:25:19: Aber wenn so viele Frauen in so vielen Wohnungen so viele Uhren bemalt haben,
00:25:24: dann kann das doch nicht für ganze 50 Jahre einfach untergegangen sein. Gerade die
00:25:38: Das kann ja eigentlich gar nicht sein. Nach der Strahlenschutzverordnung hat man eine
00:25:42: eigene Kommission zur Überwachung der Radioaktivität eingerichtet, die über
00:25:48: massenhaft Messungen durchgeführt hat. Zu allem Möglichen, das mit radioaktiver
00:25:55: zu tun hat. Wir nehmen uns also diese umfangreichen Berichte vor und bleiben an
00:26:05: In La Chaux-de-Fonds kann sich die Kommission hohe Radon-Werte nicht erklären.
00:26:15: Gemessen wurden sie in Wohnhäusern. Wohnhäuser, in denen über 20 Jahre zuvor
00:26:32: Das war Halbwertszeit, Folge 4 von 5.
00:26:41: Die Strahlendosis.
00:26:44: Halbwertszeit ist eine Podcast-Serie von mir, Corinne Gehring.
00:26:48: Und mir, Livia Großenbacher.
00:26:50: Produktion, Vivian Kuster.
00:26:52: Und Musik, Fatima Dunn.
00:26:54: Schnitt und Sounddesign, Livia Großenbacher
00:26:57: und Mastering Philipp Teichert.
00:27:04: Ein Podcast der Republik, gefördert durch den Leibniz-Forschungsverbund Wert der
00:27:09: und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
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