Die Ewigkeitskosten
Shownotes
Wer trägt die Kosten, wenn ein ganzer Industriezweig während vieler Jahre Schaden verursacht? Diese Frage stellte sich der Bundesrat, als das Bundesamt für Gesundheit vor über 10 Jahren begann, die radioaktiven Altlasten der Uhrenindustrie zu beseitigen.
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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen! Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder sind Sie gar Familienmitglied oder eine andere Art von Angehöriger einer Radiumsetzerin? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Credits: Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)
Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.
Weiterführende Links zum Thema dieser Folge
Quellen
- „Alte Uhrenateliers werden auf Radioaktivität untersucht“. SRF. 8. Juni 2014.
- Bundesamt für Gesundheit BAG und Bundesamt für Umwelt BAFU. Zwischenbericht über die Umsetzung des Aktionsplans Radium 2015–2019. 2016. S. 17–18.
- Bundesamt für Gesundheit BAG und Bundesamt für Umwelt BAFU. Bericht Standortbestimmung 2018 zum Aktionsplan Radium 2015–2019. 2019. S. 18.
- Bundesamt für Gesundheit BAG und Bundesamt für Umwelt BAFU. Bilanz des Aktionsplans Radium 2015–2023. Schlussbericht zuhanden des Bundesrates. 2024. S. 4, S. 16, S. 25.
- Bundesamt für Strahlenschutz. Radon-Handbuch Deutschland. Salzgitter: Bundesamt für Strahlenschutz, 2019. S. 12.
- „Bundesrat bemängelt Radium-Kommunikation“. swissinfo. 10. Juni 2014.
- Eidg. Gesundheitsamt. Brief des Direktors an das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, 17. Juni 1959. S. 2. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.
- Emmenegger, Lukas. „‚La matière miraculeuse‘? Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzer_innen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907–1963)“. Masterarbeit, Universität Bern, 2018. S. 7.
- Erices, Rainer. „Mehr als eine Milliarde Euro Entschädigung für Wismut-Kumpel“. mdr, 31. Juli 2021.
- Mjönes, Lars. „Measurement Protocols for Radon in Dwellings in Sweden: Thirteen Years of Experience“. In: The 1993 International Radon Conference. Proceedings. Denver, Colorado: AARST, 1993. S. 2–3.
- „Réhabilitation du site Marie-Curie“. Nogent sur Marne. 27. Juni 2022.
- Robé, Marie Christine. „La contamination au radium de l’école Marie Curie à Nogent sur Marne“. Autorité de sûreté nucléaire et de radioprotection, 1. Januar 1999.
- Romy, Isabelle. „Avis de droit à l’attention de l’Office fédéral de la Santé publique sur les héritages radiologiques“. 15. April 2015. Bundesamt für Gesundheit BAG.
- Surbeck, H. und G. Piller. „Die Suche nach der Ursache erhöhter Radonkonzentrationen in Wohnräumen der Region La Chaux-de-Fonds“. In: Bundesamt für Gesundheitswesen, Abteilung Strahlenschutz. Radioaktivität der Umwelt in der Schweiz. Bericht für die Jahre 1989–1990. Bern: BAG, 1992. S. 22–24, hier S. 22–23.
- Surbeck, H. und W. Zeller. „Radon-Programm Schweiz: Bewertung der bisherigen Ergebnisse offene Fragen und weiteres Vorgehen“. In: Bundesamt für Gesundheitswesen, Abteilung Strahlenschutz. Radioaktivität der Umwelt in der Schweiz. Bericht für das Jahr 1991. Bern: BAG, 1992. S. 1–9, hier S. 3.
- Völkle, H. „Strahlenexposition durch Radon“. In: Bundesamt für Gesundheitswesen, Abteilung Strahlenschutz. Radioaktivität der Umwelt in der Schweiz. Bericht für die Jahre 1989–1990. Bern: BAG, 1992. S. 1–3.
Transkript anzeigen
00:00:00: Wenn die Radiumsetzerinnen nicht mehr in den Wohnungen leben, ziehen neue Menschen
00:00:11: Sie hängen Fotografien an die Wand, setzen Puzzles zusammen auf dem Parkettboden,
00:00:16: verstauen ihre Lebensmittel in den bereits eingebauten Wandschränken.
00:00:21: Und in einigen Wohnhäusern werden nun in den frühen 1980er Jahren in La
00:00:33: Bodenproben werden entnommen, die, so der Bericht, zweifelsfrei kontaminiert sind.
00:00:40: Die beiden Mitarbeiter der Sektion Überwachung der Radioaktivität des
00:00:45: führen das in dem später veröffentlichten Bericht salopp formuliert darauf zurück,
00:00:50: so lese ich, dass die Uhrenindustrie sicher einen Teil der Abfälle nicht gerade
00:01:01: Gleichzeitig trifft bei den Behörden ein Brief der SUVA ein,
00:01:05: in dem es um die ehemaligen Sitzatelier in La Chaux-de-Fonds geht.
00:01:09: Der Mitarbeiter der SUVA schreibt darin, dass man befürchten kann, dass
00:01:13: Zitat
00:01:14: diese Räumlichkeiten immer noch still und unentdeckt vor sich hin strahlen.
00:01:22: Musik
00:01:36: Ich bin Livia Großenbacher und ich bin Corinne Gehring.
00:01:39: Das ist Halbwertszeit.
00:01:40: Ein Podcast über die hohen Kosten
00:01:42: eines unscheinbaren Produkts. Fünfte und letzte Folge.
00:01:57: Die Ewigkeitskosten.
00:02:00: Es ist ein Skandal in Schweden, der den Stein in der Schweiz ins Rollen bringt.
00:02:04: Dort werden nämlich in einer Industriestadt derart hohe Radonwerte gemessen, dass ein
00:02:12: Mittlerweile weiß man, wie schädlich Radon ist.
00:02:15: Das hatten die Studien an Bergarbeitern im Erzgebirge zweifelsfrei belegt. Die
00:02:21: müssen also schnell handeln und die hohen Werte senken. Aber damit ist es bei weitem
00:02:28: Denn ähnliche Probleme mit erhöhten Radon-Konzentrationen zeigen sich auch in
00:02:33: Ländern. Die Fachleute realisieren, Radon tritt an vielen Orten aus dem Gestein in die
00:02:41: Dort, wo das Gestein als Baumaterial eingesetzt wird oder halt dort wo es
00:02:49: Innenräumen der Häuser ansammeln, die auf diesem Untergrund stehen.
00:02:53: Heute gibt es in vielen Ländern
00:02:57: Radon-Programme, die Karten zur Belastung veröffentlichen und die man für Messungen
00:03:03: im eigenen Haus kontaktieren kann. Das Radon-Programm Schweiz wird 1986 lanciert
00:03:09: läuft unter verschiedenen Namen noch heute bis voraussichtlich 2030.
00:03:15: Während das allgemein gut ist, liefert das natürliche Vorkommen von Radon eine schnelle
00:03:37: Das bedeutet gleichzeitig, die Möglichkeit, dass die Industrie
00:03:41: in der Vergangenheit die Ursache ist, wird nicht mehr systematisch weiterverfolgt. Die
00:03:47: radiumhaltiger Leuchtfarben, die man in einigen Häusern findet, werden beseitigt.
00:03:53: diese Räume behandelt, wenn etwas sichtbar wird, halt erst Jahre oder Jahrzehnte
00:03:59: Krankheiten der Radiumsetzerinnen, die erst verzögert auftreten. Die Setzatelier in La
00:04:07: von wo Luc Monnier in den frühen 1950er Jahren
00:04:10: einen Brief an die Behörden schrieb
00:04:11: und sich nach den gesundheitlichen Risiken von Radium erkundigte.
00:04:20: Das ehemalige Firmenareal von Merz und Benteli in Bümplitz,
00:04:23: wo der Rosengarten zuletzt 2022 nochmals umgegraben wurde.
00:04:31: Aber auch das Firmengelände bei Paris,
00:04:34: wo Marie Curie tonnenweise Urangestein verarbeiten ließ, um kleinste Mengen Radium
00:04:40: Nachdem die Fabrik schließt, steht dort zuerst mehrere Jahrzehnte eine Schule, die
00:04:51: Und erst 2020 wird das Gelände nun ein Parkplatz saniert.
00:05:00: Und bei den Wohnungen der Radiumsetzerinnen in Biel...
00:05:04: Hier sind wir wieder. Bei den Farbfläschchen, die 2012 den Alarm auslösen.
00:05:11: Die Fläschchen liegen inmitten von Bauschutt auf einer Baustelle bei Biel, wo
00:05:20: Wo jetzt gebaut wird, war früher zu Radiumsetzzeiten eine Mülldeponie.
00:05:25: Die wird dann geschlossen und mit Wohnhäusern und einer Schrebergartenanlage
00:05:39: Nachdem die Farbfläschchen von Setzerinnen in den Haushaltsmüll geworfen werden und so
00:05:48: wird also nun wegen der Baustelle dieser ehemalige Deponieboden ausgehoben.
00:05:55: Und jetzt, jetzt erst schlägt der Alarm. Ein halbes Jahrhundert später.
00:06:13: Nach dem Alarm stehen die Arbeiten auf der Baustelle drei Monate lang still,
00:06:18: während die Bauführer einen Plan für die Dekontaminierung des Geländes ausarbeiten.
00:06:25: Das alles findet statt, ohne dass die Behörden die Bevölkerung darüber
00:06:30: Sie wollen keine Angst auslösen.
00:06:33: Damit würde dieser Podcast enden, wenn nicht ein weiterer Skandal dazu geführt
00:06:38: dass die Bauleute in Schutzanzügen in den ehemaligen Wohnungen der Radiumsetzerinnen
00:06:43: anrücken. Im Juni 2014 veröffentlicht die Sonntagszeitung über 80 Adressen von
00:06:51: die potenziell mit radioaktiver Leuchtfarbe kontaminiert sind. In der gleichen
00:07:15: Und kurz darauf, im Mai 2015, genehmigt der Bundesrat den Aktionsplan Radium,
00:07:21: der sich diesen radioaktiven Altlasten aus der Uhrenindustrie annehmen soll.
00:07:26: Dafür werden Orte kontrolliert, die
00:07:27: potenziell kontaminiert sind und, wo nötig, wird saniert. Diese Orte sind zum
00:07:34: einen Deponien wie die in Biel und zum anderen sind es die Arbeitsstätten, in
00:07:38: denen die Farbe auf Uhrenblätter aufgetragen wurde.
00:07:42: Es ist also 2015, als die Behörden zum ersten Mal überhaupt in dieser
00:07:48: Geschichte sich daran machen, die Setzerinnen, die zu Hause bei sich im
00:07:57: Oder zumindest die radioaktiven Spuren, die sie hinterlassen haben in ihrem damaligen
00:08:04: Um ein möglichst vollständiges Inventar der potenziell kontaminierten Liegenschaften in
00:08:17: Also mir war während der Archivrecherche bewusst, dass ich auch eine gewisse
00:08:21: Lukas Fritz Emmenecker übernahm als Masterstudent der Geschichte die Aufgabe,
00:08:27: die Adressen, an denen mit Radium gearbeitet wurde, in den Archiven
00:08:32: Ich wollte möglichst alle kontaminierten Liegenschaften ausfindig machen, weil das
00:08:38: ist für die Bewohnenden. Und ich habe deshalb so genau wie möglich gearbeitet und
00:08:44: Ich besuche ihn in seinem Wohnort in der Innerschweiz, um mit ihm über seine
00:08:48: damalige Recherche zu sprechen.
00:08:50: Genau, dann hast du diesen Auftrag gefasst und dann musstest du irgendwie diese
00:08:56: Wie macht man das? Wie geht man da vor?
00:08:59: Ja, also das musste ich mir zuerst auch überlegen. Also es war nicht so einfach.
00:09:06: Also ich habe dann schlussendlich eine systematische Archivrecherche durchgeführt
00:09:12: 1000 Liegenschaften identifizieren können, wo potenziell mit Radiumleuchtfarben in der
00:09:17: Industrie gearbeitet wurde.
00:09:19: 1100 Adressen umfasst die Liste am Schluss, die er in akribischer Archivarbeit
00:09:27: In Absprache mit dem BAG verlängert er mehrmals seine Recherche, damit das
00:09:38: Ein so gut wie unerreichbares Ziel.
00:09:41: Also nein, die Liste ist, ich würde sagen, mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
00:09:47: Ich habe nicht alle Liegenschaften ausfindig machen können.
00:09:51: Dafür, erklärt Lukas Fritz-Emmenegger, gibt es viele Gründe.
00:09:56: Fehlende oder noch nicht erschlossene Aktenbestände etwa. Aber auch die Tatsache,
00:10:09: weil sie nicht immer bei den Behörden gemeldet waren.
00:10:13: Wenn ich jetzt schätzen müsste, wie viele Adressen nicht gefunden wurden, dann würde
00:10:18: ich sagen, es sind im Bereich der Heimarbeit vielleicht einige hundert Fälle.
00:10:24: 1100 Adressen, 1100 ehemalige Arbeitsstätten, an denen man mit Radiumfarbe
00:10:32: Und diese Gebäude, konzentriert im Jura-Bogen, aber verteilt in der ganzen
00:10:37: die müssen auf Strahlung hin untersucht werden.
00:10:40: 110 Gemeinden in 13 Kantonen.
00:10:45: Im Rahmen des Aktionsplans Radium benachrichtigt das Bundesamt für Gesundheit
00:10:50: also alle 1100 Liegenschaftsbesitzerinnen, dass die Gebäude möglicherweise radioaktiv
00:10:57: verstrahlt sind. Ich treffe Marta Palacios, die Projektleiterin des
00:11:01: Aktionsplans Radium in Bern in ihrem Büro. Wie kann ich mir die Reaktionen
00:11:07: vorstellen von diesen Eigentümern?
00:11:09: Gewisse Eigentümer waren sehr verunsichert für ihre eigene Gesundheit natürlich, also
00:11:24: Manche Eigentümer haben aber wohl noch einen anderen Grund zur Sorge.
00:11:28: Als der Bundesrat den Aktionsplan genehmigt, gibt er bei der EPFL in Lausanne
00:11:35: um die Frage aller Fragen zu klären, die im Raum steht.
00:11:38: Wer zahlt für dieses riesige Sanierungsprojekt?
00:11:43: Das Strahlenschutzgesetz sieht hier das Verursacherprinzip vor.
00:11:47: Wer Maßnahmen nach diesem Gesetz verursacht, trägt die Kosten dafür.
00:11:52: Am klarsten fallen hier natürlich die Uhrenunternehmen in die Kategorie der
00:11:57: die das Radiumsetzen beauftragten oder in ihren eigenen Räumlichkeiten durchführen
00:12:03: Obwohl das Bundesamt intensiv sucht, um die Verursacher zu ermitteln,
00:12:08: können am Ende nur in weniger als 4% der Fälle die Sanierungskosten von der
00:12:18: den sie nachweislich selbst verursacht haben.
00:12:22: Aber die Uhrenunternehmen beauftragten eben auch
00:12:26: jede Menge Arbeiten in Räumen, die sie nicht selbst besaßen. Die Heimarbeiterinnen
00:12:32: eigentlich eine Art Erweiterung der Uhrenfabrik, nur arbeiten sie halt bei sich
00:12:37: Das dachte sich das Rechtsgutachten auch, stellte dann aber fest, dass es unglaublich
00:12:46: Und viele davon gibt es heute nicht mehr. Alleine in Biel ist die Anzahl der
00:12:51: Krise im 20. Jahrhundert auf einen Drittel zusammengeschrumpft. Unternehmen, die es
00:13:02: Aber die Uhrenindustrie zahlt am Ende doch:
00:13:04: 400.000 Schweizer Franken. Also weniger als 5% des gesamten Budgets des Aktionsplans
00:13:20: Die Uhrenindustrie wird also eingeladen, sich freiwillig zu beteiligen, aber es
00:13:27: Im Zwischenbericht des Aktionsplans wird dazu festgehalten, Zitat,
00:13:32: eine finanzielle Beteiligung der Uhrenindustrie ist in einer Zeit, in der
00:13:41: Die Möglichkeit einer Beteiligung bleibt offen,
00:13:44: aber es gibt noch Erklärungsbedarf für seine Realisierung sowie Überzeugungsarbeit.
00:13:50: Zitat Ende.
00:13:52: Zu einer Einigung kommt es schließlich bei einem runden Tisch
00:13:54: mit dem Bundesrat und weiteren Vertretern hinter verschlossenen Türen.
00:14:01: Wie dieser Betrag von 400.000 Schweizer Franken genau zustande kommt,
00:14:05: wissen wir leider bis heute nicht.
00:14:09: Wir schreiben mehrere Uhrenfirmen an und erkunden uns, wie sie sich am
00:14:16: Eine Antwort erhalten wir nur von wenigen, zum Beispiel von der Swatch Group.
00:14:21: Sie teilt uns mit, dass sie natürlich wie alle anderen Mitglieder der
00:14:27: an diesem freiwilligen Beitrag partizipiert hat.
00:14:31: Auch habe es bei der Swatch Group selbst eine Sanierung gegeben, die auf Kosten der
00:14:38: Ein alter, stillgelegter Rohrleitungsabschnitt von wenigen Metern
00:14:46: Von den anderen Uhrenfirmen, die wir angeschrieben haben, hören wir nichts mehr.
00:14:54: Das ist alles, fragen wir uns? Ein Rohrleitungsabschnitt, der aus dem Boden
00:15:04: Ein verstrahltes Abflussrohr bleibt auch dann ein verstrahltes Abflussrohr, wenn es
00:15:14: Setzerin, die im Waschbecken behutsam ihren dünnen Pinsel auswischt, sich mit einer
00:15:20: die Fingernägel reinigt, gegen die Küchenzeile gelehnt nach ihrer Arbeit ihre
00:15:44: Der Aktionsplan Radium wird
00:15:52: 2023 offiziell beendet. Während der Sanierungen entstehen 5000 Kubikmeter
00:16:05: eingelagert werden müssen. Von dort aus soll das kontaminierte Material dann
00:16:11: ein Endlager kommen, nur dass es immer noch kein solches gibt.
00:16:15: In all dieser Unfertigkeit ist es
00:16:18: auch nicht verwunderlich, dass wir während unserer Recherche auch selbst neue Adressen
00:16:24: Lukas Fritz-Emmenegger ja auch gesagt hat: das Verzeichnis ist auch nach jahrelanger,
00:16:32: Während meiner Recherchen in Biel klingle ich bei ehemaligen Adressen von
00:16:43: Wir teilen unseren Fund mit dem Bundesamt für Gesundheit und erhalten eine
00:16:51: In absehbarer Zeit werden sie dort also weitere Messungen vornehmen. Denn auch wenn
00:17:11: Radiumleuchtfarbe, die damals in grossen Zahlen verkauft werden, kann man beim
00:17:12: Für die Wohnungen und Uhren ist also gesorgt. Aber noch immer bleibt die
00:17:23: Haben die keinen Anspruch auf Entschädigungen für den Schaden, den sie
00:17:31: Während wir im Aktionsplan Radium keine Antwort auf diese Frage finden,
00:17:35: bleiben wir bei einem Brief von 1959 hängen,
00:17:37: in dem sich der damalige Direktor des eidgenössischen Gesundheitsamtes
00:17:41: die Frage der Anerkennung als Berufskrankheit stellte und wen das alles
00:17:47: Wenn nämlich die Heimarbeiterinnen derart hohe Strahlendosen erhalten,
00:17:51: ist ja anzunehmen, dass das auch ihre Familienmitglieder betrifft.
00:17:56: Das ist ein Problem.
00:17:58: Denn die anderen Menschen im Haushalt arbeiten ja nicht.
00:18:01: Sie befinden sich einfach am Arbeitsort der Mutter,
00:18:05: wo sie im Wohnzimmer ihren Setztisch stehen hat
00:18:07: oder die Leuchtfarbe im Vorratsschrank aufbewahrt.
00:18:11: Aus der Problematik folgert dann das Eidgenössische Gesundheitsamt, Zitat,
00:18:17: Es geht aber nicht an, auch Angehörige und Kinder der Heimarbeiterinnen zu der
00:18:27: Eine Politikerin im Schweizer Parlament greift 2022 genau diese Frage noch einmal
00:18:34: Sie will über die historische Verantwortung der Uhrenbranche sprechen.
00:18:39: Die trockene Antwort des Bundesrats. Zitat: das Bundesamt für Gesundheit
00:18:44: ist mehrfach mit der Uhrenindustrie in Kontakt getreten. Zitat Ende. Weiter nichts.
00:18:49: An anderen Orten kommt es zu Entschädigungszahlungen. Dort, wo nämlich
00:19:17: Weitere Forderungen sind aber auch dort noch hängig.
00:19:22: Das Schweizer Parlament hat die Frage nach der Aufarbeitung der Vergangenheit durch die
00:19:27: nach der Stellungnahme des Bundesrats nicht weiter diskutiert.
00:19:31: Die Angelegenheit wurde am 27. September 2024 abgeschrieben, weil nicht innert zwei
00:19:43: Bis anhin also keine Entschädigungen für die Heimarbeiterinnen. Nur der Geigerzähler,
00:19:51: der heute auf Deponien und in Wohnzimmern die Unsauberkeiten ihrer Arbeit verkündet,
00:19:58: die Fläschchen im Abfall, die getropfte Farbe, die Knochen der Setzerinnen, die beim
00:20:10: Die Baufirmen, die über 50 Jahre später ihre Küchenwände einreißen und das Radium,
00:20:43: Hat sich das gelohnt, Radium als Energiequelle für Farbe, damit wir im
00:20:53: Eine Leuchtfarbe so intensiv, dass sie auch in der Nacht leuchtet.
00:20:58: Ich muss an einen Begriff denken, der mir in meiner Forschung zum Bergbau begegnet
00:21:05: Ewigkeitskosten. Für die Bewältigung der Folgen, die durch den Bergbau verursacht
00:21:10: Sobald etwas abgebaut wird, überdauern uns diese Kosten um Generationen. Weit in die
00:21:17: Und mit diesem Begriff müssen wir jetzt die Geschichte wirklich zu Ende erzählen?
00:21:23: Wir können die Geschichte nicht zu Ende erzählen.
00:21:26: Da bleibt so vieles offen. Die neuen Adressen in Biel, die wir gefunden haben.
00:21:32: das noch nicht da ist. Die Parlamentsdebatten zum Verursacherprinzip im
00:21:39: Stimmt. Wir sind noch lange nicht fertig mit diesem Thema.
00:21:43: Am Ende dieser Geschichte,
00:21:45: die wir hier erzählt haben, denke ich zurück an den zukunftsorientierten Ansatz,
00:21:52: Bundesrat entschieden hat mit dem Aktionsplan Radium.
00:21:54: Ich verstehe, warum die Versuchung hier
00:21:58: groß ist, einen wesentlichen Teil der Geschichte auszulassen. Radioaktiver
00:22:16: Aber wenn wir uns die Mühe machen und uns dieses Wohnzimmer aus Farbresten und
00:22:23: dann können wir etwas über die Frau erzählen, die hier an ihrem Tisch arbeitet.
00:22:28: Wir sehen sie, wenn wir Artikel über Arbeitsrechtverletzungen in Fabriken und
00:22:48: Sie war da, die Frau mit dem feinen Pinsel, die Uhrenblatt nach Uhrenblatt mit
00:23:04: Das war Halbwertszeit. Fünfte und letzte Folge. Die Ewigkeitskosten.
00:23:15: Halbwertszeit ist eine Podcast-Serie von mir, Corinne Gehring.
00:23:18: Und mir, Livia Großenbacher.
00:23:20: Produktion, Vivienne Kuster.
00:23:22: Und Musik, Fatima Dunn.
00:23:25: Schnitt und Sounddesign, Livia Großenbacher.
00:23:28: Und Mastering, Philipp Teichert.
00:23:34: Ein Podcast der Republik, gefördert durch den Leibniz-Forschungsverbund Wert der
00:23:40: und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
00:23:44: In Erinnerung an Professor Julian Stangel, der uns Rede und Antwort über Strahlung
00:24:01: Vielen Dank, dass du dir die Halbwertszeit angehört hast.
00:24:04: Zum Ende der Serie möchten wir nun unheimlich gern auch von dir hören.
00:24:08: Was sind deine Fragen an uns?
00:24:10: Worüber möchtest du gerne noch mehr erfahren?
00:24:13: Und was hast du uns über die Recherchethemen unseres Podcasts zu
00:24:19: Wir freuen uns über persönliche Geschichten und Recherchetipps.
00:24:22: Hat das BAG für eine Radioaktivitätsmessung bei dir geklingelt?
00:24:27: Oder erinnerst du dich an eine Radio-Umsetzerin in deinem Familien- oder
00:24:32: Dann melde dich unbedingt bei uns. eine Radiumsetzerin in deinem Familien- oder
00:24:37: dann melde dich unbedingt bei uns per E-Mail unter audio@republik.ch oder per
00:24:43: Wir freuen uns über alle Fragen und Nachrichten.
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